Dieser Beitrag lungert schon seit über 2 Wochen in den Entwürfen vor sich hin. Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ein uninformierter Richter mit wohl von der reißerischen Fernsehberichterstattung beeinflusster Meinung ist nicht dazu angetan, mich zum Schreiben zu motivieren.
Mittlerweile wurde diese Verhandlung auch in einem anderen Blog aufgegriffen. Leider wurde die Meinung des Richters als “vom Gericht festgestellt” dargestellt, und das lese ich in dem Artikel definitiv anders.
Hier zunächst der Zeitungsbericht:
Teurer Draht zu den Sternen
Sie wurde in Abwesenheit wegen Betrugs verurteilt.
Wäre sie erschienen, hätte der Richter das Verfahren eingestellt, sagte er, weil
a) psychologische und astrologische Hotlines Lebenskrisen und Hilflosigkeiten ausnutzen und
b) “Die Mitarbeiter in den Callcentern […] vor allem darin geschult [seien], die Anrufer in der Leitung zu halten, um sie damit finanziell auszunehmen.”
Wo nimmt er denn das her?
Hat vielleicht ein Reporter im Fernsehen mal so in den Raum geworfen. Die Realität ist anders.
Ich bin 1999 bei einer Line angefangen. Keinerlei Schulung, auch nicht, wie man jemanden in der Leitung hält. Keine Aussage, man solle die Anrufer ausnehmen.
Weder überhaupt, noch “vor allem”.
Danach hatte ich über 2 Jahre selbst eine Line. Dasselbe.
Ich habe niemandem irgendwelche Vorgaben über Gesprächsdauer gemacht, ich schulte keinen und “vor allem” nicht, wie man jemanden in der Leitung hält.
(Meine einzige Vorgabe war, das Fax in den damals noch verbreiten Fax-Komibgeräten zu deaktivieren, damit das Telefon eine Chance kriegt und der Anrufer nicht für 1,24 €/Minute das Faxgepiepe zu hören kriegt.)
Danach zu Viversum. Alles wie gehabt. Nichts der richterlichen Meinung geschah. Weder noch und “vor allem” keine Schulung, wie man jemanden in der Leitung hält.
Fazit: Ich habe es all die Jahre anders erlebt als der Richter.
Wer hier öfter liest, weiß, dass ich der Entwicklung, die das alles in den letzten Jahren genommen hat, durchaus sehr kritisch gegenüberstehe und mich Vorwürfen an all dem oftmals anschließe. Aber in diesem Fall kann ich es nicht, denn die Richtermeinung ist schlichtweg falsch.
Nun zum zweiten Punkt:
Die Anruferin, die die von ihr in Anspruch genommene Dienstleistung nicht bezahlt hat, obwohl sie eigentlich davon ausgehen konnte, dass sich in pro Tag (!) fast 9 Gesprächen und über 2 Stunden Telefonieren so einiges zusammenläppert.
Sie begründet ihr nur Teilbezahlen der 1.500 €-Rechnung für 6 Tage lang über 2 Stunden mit Astrologen Reden mit “damals seelisch ganz übel dran gewesen” zu sein.
Ja, das sind wir wohl alle mal.
Andere kaufen dann vielleicht verstärkt ein, gehen ins Bordell, versinken in Bars und Kneipen, lassen sich vom Arzt Medikamente mit Suchtgefahr verschreiben oder fahren einfach mal in Urlaub. Das alles hat seinen Preis, und niemand würde auf die Idee kommen, dem jeweiligen Anbieter ein Ausnutzen einer Lebenskrise vorzuwerfen.
Dank der einschlägig bekannten Berichterstattung macht man bei den Leuten, die in diesen Situationen am Telefon für diese Menschen zur Verfügung stehen, in der Hinsicht eine Ausnahme.
Ich habe hier des weiteren bereits soviel über Heilersucht geschrieben, Kommentare und auch das Buch von Sarah Lassez gelesen. Von “in 6 Tagen süchtig” war nie die Rede. Das kann es bei dieser Anruferin nicht gewesen sein.
Ich stelle die Angaben im Artikel mal in Zahlen dar.
In nur 6 Tagen kamen zusammen:
1.500 € à 2 €/Minute ergeben 750 Minuten => 125 Minuten am Tag.
51 Gespräche in 6 Tagen => 8,5 Gespräche am Tag.
750 Minuten in 51 Gesprächen => 14,7 Minuten pro Gespräch.
Das sind keine 3-Minuten-Abfertigungen, das sind schon richtige Gespräche.
Das Grundübel bei der ganzen Sache ist etwas, das ich hier schon öfter erwähnt habe. Die Menschen sind vielfach so einsam, haben niemanden zum Reden. Keinen Freund, der sich 1 Woche lang jeden Tag 2 Stunden die Zeit nimmt, um dem anderen in einer akuten Krise zuzuhören, was aber offensichtlich der Zeitrahmen ist, den manche Leute in ihren akuten Krisen tatschächlich benötigen (wie die Dame aus dem Artikel).
“Sollen die Leute doch zum Psychologen oder Psychiater gehen” hört man an vielen Ecken. Der hat aber keinen Soforttermin und schon gar nicht werden ihm in den ersten 6 Tagen nach akuter Krise einer Patientin täglich 2 Stunden Gespräch mit ihr vergütet.
Man begibt sich zum niederschwelligen Kartenleger oder Astrologen oder zu wem auch immer. Man geht hin, klingelt und hat sofort jemanden. Bzw. seit 10 Jahren ruft man ihn einfach an. Egal wann, irgendeiner ist immer wach.
Wenn man ihm dies nicht bezahlen würde, hätte man ihn ausgenutzt.
Nicht umgekehrt.
Es ist nämlich nicht so, dass der normale Kartenleger sagt, “ich falle jetzt 6 Tage lang jeden Tag für Sie 2 Stunden in stille Trance”, sondern der normale Kartenleger redet, beruhigt, gibt Hoffnung, er hört zu und ist da.
Macht ja sonst keiner…