Nachtrag zu meinem zdf reporter astro questico Programmtipp (i) von letztens.

zdf reporter astro questico ZDF.reporter [reportage] vom 07.02.2008 von Oliver Koytek
Teurer Blick in die Zukunft
Reportage über die Astro Abzocke

Als die Sendung vor 2 Wochen lief, bin ich ja leider dabei eingeschlafen.
So spannend fand ich sie. :-|
Doch nun ist sie bei youtube, es ist Nachmittag, und ich habe mir das gerade angeguckt.
YouTube Preview Image

(direkt bei Youtube gucken)

“[...] versprechen die Kartenleger eine Lösungshilfe. Gegen Bezahlung versteht sich.”
Jo Sakra Herrschafftszeitn! Gegen was denn sonst?
Ich bin auf den Bericht gespannt, wo es heißt:
“Journalisten machen Reportagen. Gegen Bezahlung versteht sich.”
Sie kämen sich bestimmt blöd vor, solche Selbstverständlichkeiten herauszustellen…

Weiter im Text. Ein Testanruf bei Questico. “Unsere Testperson ruft die Wahrsagerin an, schildert eine erfundene Geschichte.” Also wohl so, als würde man zum Arzt gehen und dem sagen, man habe Bauchschmerzen, hat man aber gar nicht. Und der Arzt soll das jetzt natürlich sofort sehen.

Die Testanruferin erzählt ihr erfundenes Problem: sie würde glauben, seit einem Jahr von ihrem Partner betrogen zu werden. Natürlich ist die einzig gescheite Reaktion einer Kartenlegerin auf so eine Vermutung: Erhalten, nicht zerstören.
Was sage ich seit Jahrzehnten? Vorsicht mit Aussagen zum Fremdgehen, wenn die Ratsuchende es nur vermutet, aber nichts über hieb- und stichfeste Aussagen ihres Partners sagt. Denn immerhin besteht ja die – wenn auch minimale ;-) – Gefahr, dass es nicht stimmt, was man da meint, aus den Karten zu sehen. Also bloß keinen verrückt machen und ihn mit schrecklichen Dingen konfrontieren, die jeglicher realen Grundlage entbehren.

Und genau das tut die Kartenlegerin am Telefon auch.
Genau das!
“Keine Affäre. Ist ein loyaler Mann.” Basta.
Und somit eine völlig korrekte Reaktion auf das Problem der Testanruferin.
Doch was kommt seitens der Reporter?
“Gute Nachrichten, an denen nichts stimmen kann. Die Testperson ist Single.”

Ätschibätsch. Verarscht.

Ja und?
Soll uns das jetzt irgendwas sagen?
Ist doch so, als würde man sich das Gesicht mit roter Farbe beschmieren und sich in den Straßengraben legen. Da wird der Notarzt auch mit Blutdruckmessen oder sonstwas anfangen, anstatt sofort mit einem nassen Lappen in der Hand aus dem Rettungswagen zu springen um dem vermeintlich Verletzten die Farbe abzuwischen, da der Notarzt nämlich einfach davon ausgeht, nicht veräppelt zu werden.
Noch gehen Kartenleger von ebendiesem aus!

Was soll das für eine Reportage werden?

Wir haben einen Gärtner zum Rasenmähen engagiert, ihm eine Wiese präsentiert, dabei war es gar keine Wiese, sondern in Wirklichkeit ein Moor. Haha, nun ist er mitsamt seinem Rasenmäher versunken! Haha, ist der doof! Haha, sowas muss der doch sehen als Gärtner! Abzocke, Abzocke!!! ABZOCKE!!! Gärtner sind alle Abzocker!!!!!!!!

Is doch wahr!
Ein Spaß höchstens für die Pannenshow, und nicht mal das.

Weiter.
Eine Dame, die von den Gesprächen mit Kartenlegern abhängig ist.
Heilersucht.
Das war hier schon öfter Thema.
Das ist schrecklich, aber das darf doch kein Vorwurf an den normalen Kartenleger sein. Genau wie eben vieles, was spannend, schön und prickelnd ist, abhängig machen kann.
Ich zitiere mich mal selbst aus meinem heilersucht telefonberatung Artikel vom 15.11.2003, also ein alter Hut:

Sicher, ich lege Karten, ich berate am Telefon. Ich biete also demnach ein “Suchtmittel” an. Aber kann ich die Spielautomatenhersteller, Brauerein, Pharmafirmen, Zigarettenhändler oder Arbeitgeber, die die Überstunden ihrer geliebten Workaholics “dulden”, verteufeln, nur weil eine maßlose Nutzung deren Angebote Sucht ist, bzw. sich zu einer entwickeln kann?

Bei allem, was Spaß macht, angenehm ist oder “kribbelt” gibt es immer die Mehrheit, die damit umgehen kann, das richtige Maß halten kann und insofern auch davon profitieren kann und immer auch die anderen, die es übertreiben und denen es nachher schlecht geht anstatt daß es gut tut!

Lilith – 15.11.2003 – “Telefonberatung – The dark side of the Moon”
(http://www.lilith-kartenlegen.de/artikel/telefonberatung.php)

Die junge Dame hätte sich ohne all die Kartenleger laut ihren Aussagen drei Jahre schlechte Beziehung erspart und die Ausgaben erspart. Sicher, letzteres ist ein Argument. Die Ausgaben hätte sie nicht gehabt, wenn sie nicht angerufen hätte.
Aber ob man “bessere” Partner findet, wenn man keinen Kartenleger anruft?
Eine Vermutung, die so nicht stimmen muss.
Ich denke, da hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Weiter.
Nun sind wir bei der suchtberatung TAL 19 münchen Suchtberatung TAL19 in München, die sich bei Heilersucht sehr engagiert und die übrigens auch eine Hotline anbietet für die akuten Krisen. Endlich realistische und glaubwürdige Aussagen. In diesem Fall von Christoph Teich, einem Mitarbeiter der Suchtberatung. Nun führt er jedoch in dem Filmausschnitt als Beispiel die Fernsehsendungen an. Doch von Astro TV ist wohl keiner abhängig. Kein Abhängiger will doch 100 mal probieren, um dann nach 30 Sekunden wieder verabschiedet zu werden.

Nein, man will als Abhängiger schnell und direkt und oft und so lange man möchte mit einem Kartenleger sprechen.
Der Suchtberater nutzt den Mitschnitt aus Astro TV auch lediglich dazu, um die typische Kartenlegerklientel einzukreisen. Er geht eben davon aus, wer da oft anruft, ruft wohl auch oft bei den Telefonkartenlegern an. Sachlich und ruhig.

Nicht jedoch das Reporterteam!
“Die Tricks der Branche” heißt beim Reporter die Art und Weise, einer älteren Dame Hoffnung auf ein paar spannende Momente im Leben zu machen. Ja und? Gibt es irgendwas daran auszusetzen? Was ist dabei, einer einsamen Frau zu sagen: “Ach nun komm, da kommt bestimmt nochmal ein Freund für dich. Lass den Kopf nicht hängen.” und sie damit hoffentlich fröhlich zu machen. Für sie in dem Moment, wo sie so down ist, da zu sein. Ihr zu helfen, damit sie nicht mehr ganz so traurig ist. Ein Trick ist das. Ach so.

Im Fernsehen heißt das “Das scheint die Masche zu sein. Man erzählt den Anrufern, was sie gerne hören wollen. Und dafür lässt sich der Kartenleger bezahlen.” Pfui. Pfui. Pfui.

Wenn man jedoch hinhört, was der Suchtberater eigentlich sagt, so schildert er lediglich die Gründe zum Weg in die Sucht. Die Panikmache und den ganzen Wind schießt der Reporter zu und springt nun plötzlich wieder weg vom Fernsehen hin zu Questico: “Der erste Anruf ist kostenlos. Wer angebissen hat, der zahlt von da an Gebühren von bis zu 2,10 € pro Minute.”

Ja, das nenn ich Recherche…
Sauber.
Es sind in Wahrheit (Moment, ich guck mal grad) bis zu 3,29 € pro Minute.
Das ist zwar noch mehr als im Beitrag, aber falsch recherchiert ist falsch recherchiert.
Und selbst, wenn der Beitrag schon älter wäre, dann wäre er sehr alt.
Die 2,10 € Zeiten sind wirklich lange lange Zeit vorüber.
Weiter.
Und weil’s am Anfang der Reportage so lustig war und so gut geklappt hat, gibt’s nochmal eine Kartenlegerin-Verarsche. Nun zur Abwechslung mit versteckter Kamera in einem persönlichen Gespräch mit derselben Kartenlegerin in einem Wohnzimmer. Der Dummy lässt sich erneut von ihr mit fingiertem Problem und falsch angegebener Lebensgeschichte die Karten legen. “Streit um die Frage, Kinder ja oder nein.” soll dieses Mal das Problem sein. Die Vorhersage lautet “Kein Kinderglück absehbar, stattdessen Eheprobleme möglich. Früher oder später Trennung.”

Sicher, das ist harter Tobak.

Aber ob’s nun trotz des gelogenen Problems wirklich falsch ist, kann ja wohl noch lange Zeit niemand sagen. Sie habe in Wirklichkeit bereits Kinder, heißt es. Das hat ja auch keiner bestritten. Es wurde gesagt, sie kriegt keine mehr.

Weiter.
Weiter nach Berlin ins Questico Headquarter. Sylvius Bardt, der Questico-Chef, ruft seine Esoberater nicht an. Ja und? Ist das jetzt schlimm? Man sollte meinen, dass jeder, der nicht anruft, für die Reporter ein Grund zum Jubeln ist.

Und Herr Bardt hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass eine Prognose nicht stimmen kann, wenn es schon das Problem gar nicht gibt. Reporter-Vorwurf erfolgreich entkräftet. Es wird dann aus den AGB zitiert, wo man “weder für die Richtigkeit noch für die Qualität der erteilten Auskünfte” einsteht. Wie denn auch? Ich erwähnte hier bereits öfter: Bei Keen.com, der Ur-Mutter und Quelle aller Telefonportale, steht schon seit Urzeiten sogar “for entertainment purposes only”. Nur zur Unterhaltung.

Und schon sind wir da, was es wirklich ist.
Es ist Unterhaltung. Wie Fernsehen sich auch rühmt zu sein.
Und es soll ja auch Fernsehsüchtige geben.
Was sie am Fernsehen finden, kann ich mir jedoch nur schwer vorstellen…
Die gucken vielleicht was anderes als tolle Reportagen über Kartenleger?

Nein, Journalisten schieben sich die Realität schon ab und an so, wie sie sie gerne hätten.
Mein Freund zum Beispiel hat vor 30 Jahren mal zwei Jahre in Indien gelebt. Danach kam er zurück nach Deutschland, hat hier studiert, lebt und arbeitet hier. Diese beiden Indienjahre erwähnte er dummerweise viele viele Jahre später in einem Nebensatz in einem Interview, wo es eigentlich darum ging, dass er zu der Zeit eine Wandbemalung in einem Lokal machte. Und was passierte?
Der Bericht startete schon mit der unheilvollen Überschrift in doppeldick “Zurück nach Indien?”. Hä? Davon war nie die Rede. Und auch der Rest des Textes war sehr darum bemüht, nun in jedem zweiten Satz kramphaft einen von ihm nie erwähnten Bezug zu Indien herzustellen. Koste es was es wolle.
Es war so lächerlich!
Aber eben etwas “aufregender” als ein einfacher Bericht über den, der grad die Kneipe anmalt und nichts anderes tut als die Kneipe anzumalen und der davor eine andere Kneipe angemalt hat und der danach noch eine Kneipe anmalt und vielleicht (quasi als Sahnehäubchen des Artikels) wahrscheinlich die Wand in einem Schwimmbad im Dortmunder Villenviertel anmalt.
Das ist nicht so spannend.

Aber dass er überall angeblich alte indische Mystik und was nicht alles verwurschtelt?
Ja klar, das zieht….
Aber macht er gar nicht.