Ich war mal wieder raus. Mitten unter “Volkes Stimme”. Neun Stunden mit den unterschiedlichsten Leuten liegen hinter mir. Unterschiedliches Alter, unterschiedliche Ausbildungen, unterschiedliche Tätigkeiten, unterschiedliches Geschlecht, aber in einem waren sie sich einig:

“Was? Kartenlegen? Hahahaha. Kenn ich. Das wo man anruft? Hör auf! Das stimmt jetzt nicht!?” Oder “Ohä! Sowas kam mal nach KiKa und auf 9Live. Diese Scheiße mit den Toten reden? Du spinnst doch.” Oder “Dieser Hellblonde ist schlimmer als alle Trickbetrüger und Politessen dieser Welt.” Oder “Im Schlachthof zu arbeiten ist immer noch ehrenhafter als das was ihr da macht.” Oder “Ihr verkauft Lügen. Guck dir den Mist doch an. Verbrecher.” Die harmlose Variante war dann: “Der Zufallsgenerator oder wie das Teil heißt hat mich ausgewählt, ich muss dir jetzt ein Bier ausgeben.”

So.

Ich hab ja schon viel gehört, und ich habe durchaus registriert, wie die Stimmung vor einiger Zeit kippte, und ich habe auch schon seit einigen Monaten gemerkt, dass die Leute ziemlich abfällig über Kartenleger und Kartenlegen geredet haben.

(Was übrigens der eigentliche Grund dafür ist, dass ich sowohl letztes als auch dieses Jahr bereits keine Seminare mehr gemacht habe. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass noch mehr Leute das zum Anlass nehmen, um später einer immer öfter für wertlos gehaltenen Tätigkeit nachzugehen.)

Aber das Erleben von vorgestern Abend übertraf die sonstige Stimmung gegenüber meiner seit über 20 Jahren unbehelligt ausgeübten Tätigkeit nun um Längen. Die Branche ist offensichtlich mittlerweile komplett verkommen. Das Ansehen meines “Berufsstandes” ist aufgrund der mittlerweile-bis-in-den-letzten-Winkel-Verbreitung der Fernsehdarbietungen praktisch auf dem Nullpunkt angelangt.

Das Fernsehen macht einen zum Kasper.
Und man kann nichts dagegen tun.

Man braucht auch gar nicht erst anzufangen, zu erklären, dass das, was man tut, anders ist als das, was im Fernsehen läuft. Sie haben genug gesehen und können und wollen die Einzelheiten nicht mehr hören. (Und es gibt da ein paar esoterische Einzelheiten, die dürfen sie niemals erfahren, dann würden sie unter sich lassen.)

Ich sage jetzt nichts mehr.
Ich sage auch nicht mehr, dass ich Karten lege, solange ich das noch tue.
Ich sage jetzt nur noch “Ich mache Webseiten”.
Punkt, Schluss, Basta.
Und ich hasse die Impressumspflicht. :-|

Ach ja. Die einzigen, die meine Tätigkeit vielleicht noch wertschätzen, sind die, die sich die Karten legen lassen. Und selbst da bin ich mir auch nicht mehr so sicher. Nein, ganz und gar nicht. Die im Internet werten es immer öfter ab mit: “Der Minutenpreis ist zu hoch” oder “sieh zu, dass du in 5 Minuten fertig bist” (hä? Haben wir Sex oder was?) oder “schick mir GM” (was?) und “schreib mir dies, beantworte mir das, Hauptsache es kostet nichts.”

Wisst ihr was? Ich kann’s auch ganz lassen!

Doch auch im realen Leben tendiert man dahin, es bereits vor anderen geheim zu halten, dass man bei einer Kartenlegerin war.

So arbeite ich halt weiter in einem äußerst geringgeschätzten Tätigkeitsfeld.
Und es wird immer schlimmer.
Es ist jetzt im Ansehen schon schlimmer als Schlachthof und Politesse.
Was kommt als nächstes?

Und wir wissen ja, wie es einem geht, wenn das, was man tut, von gar keinem wertgeschätzt wird, sondern man deswegen verhöhnt wird. Eben. Man verliert die Lust. Und das ist noch die gesündeste Auswirkung…

Aber es ist ja auch alles mittlerweile tatsächlich ziemlich finster.

Denn falls so ein unbedarfter Astrosendungs-Zuschauer irgendwann noch mal zufällig in ein Esoterikforum reinschauen sollte, holt er sich da sowieso den Rest.

Es ist unerträglich zynisch, wie Esoteriker selbst angesichts des Keller-Dramas in Amstetten nicht müde werden, dazu ihren üblichen ausgelutschten Sermon “sie hat sich das so ausgesucht” oder “wer weiss schon, was die Tochter im Vorleben mit ihm gemacht hat” oder “vielleicht hat sie ihn gebeten das für sie zu tun, um ein schweres Karma abzubauen” oder “sie wollte Gewalt erleben um die Liebe zu erlernen” oder “Vergebt ihm. Der Weg mit Licht und Liebe wird euch helfen zu verzeihen” ins Web zu speien.

Ich finde es ekelhaft!
Sie sind so realitätsfremd und so braun wie sie weiß sein wollen!

Hört bitte auf, mir Mails zu schreiben, die mit “Licht und Liebe” enden.
Da schüttelt’s mich. Ich will das nicht.

Mir wird schlecht davon – und das nicht erst seit vorgestern.