Mittwoch, 26.November 2008
über Mlle Lenormand aus “Bohemia”, 1843
geschrieben von Lilith in Kategorie KartenlegenKommentare deaktiviert
aus einer Schrift von 1843:
Quelle: “Bohemia: Oder Unterhaltungsblätter für gebildete Stände”
Redaktion und Verlag Gottlieb Haase und Söhne, Prag 1843
Einiges aus dem Leben der Mlle. Lenormand
(Nach französischen Blättern)
Mlle. Lenormand wurde im Jahre 1772 in Alençon geboren. Schon aus ihrem siebenten Jahre erinnert man sich einer Weissagung, welche in Erfüllung ging. Bekannt wurde Mlle. Lenormand erst beim Ausbruche der Stürme der Revolution.
»Haben Sie je Robespierre in der Nähe gesehen?« fragte man sie eines Tages.
»Ja, 1794 , als er mich ins Gefängnis warf.«
»Halten Sie ihn für mutig?«
»Er war abergläubig im höchsten Grade«, erwiderte Mlle. Lenormand. »Als er mich um sein Schicksal befragte, schloß er beim Berühren der Karten die Augen, und bebte beim Anblicke einer Pique Neun.«Schon in ihrem achtzehnten Jahre bewohnte Mlle. Lenormand ihr Appartement in der Rue de Tournon, Nr. 5 in Paris, eine Wohnung, aus der sie nie auszog. Nichts Kabbalistisches zeigte sich hier; man schritt durch ein bescheidenes Vorzimmer in den Saal, der mit vier Säulen und vier Büsten geschmückt war. An der Wand hingen mehre Gemälde, darunter ihr eigenes Porträt. Die Möbel waren von Ahorn und sehr schön. Noch bemerkte man in dem Gemache prachtvolle Vasen und bizarre, aber von gutem Geschmacke zeugende Verzierungen, sehr ordnungslos verteilt.
In der Kleidung war Mlle. Lenormand einfach. Man sah sie nicht in Gewändern mit arabischen oder kabbalistischen Zeichen, sondern in einer seidenen Robe, die im Winter mit Pelzwerk, im Sommer mit Spitzen besetzt war. Ohne die Toque, die sie aus Gewohnheit als Andenken an die alten Moden trug, hätte man sie eher für eine liebenswürdige, gute Weltdame, als für eine zufunftweissagende Zauberin gehalten.
Viele behaupten, Mlle. Lenormand habe immer Katzen um sich gehabt, und wenn sie prophezeite, einen imposanten Ernst in ihre Stimme gelegt. Dessenungeachtet waren ihre Manieren schlicht und frei von aller Scharlatanerie. Sie hatte sich in hohem Grade den Ton der guten Gesellschaft angeeignet.
Eines Tages kam Josephine de Beauharnais, damals Madame Bonaparte zu ihr.
»Madame,« begann sie, »eine weise Frau von Martinique hat mir prophezeit, ich würde einst Königin werden.«
»Nun?« sagte die Sibylle.
»Wird ihre Prophezeiung in Erfüllung gehen?«
»Nein.«
»Aus mir wird also keine Königin werden?«
»Nein ; eine Kaiserin.« —Im Jahre 1809 wurde Mlle. Lenormand wieder verhaftet.
»Dies erwarteten Sie nicht?« redete sie der Präfekt an.
»Nicht?« erwiderte Mlle. Lenormanf. »Suchen Sie in meinen Kartons, die Sie in Beschlag genommen haben. Sie werden in einem derselben mein Horoskop finden.«
Man öffnet die Kartons . . . die Verhaftung ist darin mit allen sie begleitenden Umständen prophezeit. —Wer sein Schicksal wissen und doch nicht persönlich bei Mlle. Lenormand erscheinen wollte, mußte ihr folgende Angaben einsenden:
1) das Jahr der Geburt,
2) Monat und Tag der Geburt,
3) die Blume und
4) den Geruch, die und den er am meisten liebte.Eines Tages unterwarf sich Napoleon diesen Forderungen und übersandte die genannten Angaben der Wahrsagerin durch eine taubstumme Bauerndirne, die weder lesen noch schreiben konnte.
Mlle. Lenormand erwiderte:
»Der Befragende ist auf einer Insel geboren, sein Vater lebt nicht mehr; er hat vier Brüder und drei Schwestern. Sein Charakter ist fest, entschieden, tiefsinnig, mehr ernst als heiter. Er läßt nicht gern Frauen Einfluß auf sich üben, ist sehr schwierig im Schenken seines Vertrauens, fürchtet erraten zu werden, weshalb er selbst seine geringfügigsten Handlungen verheimlicht, ist sehr empfindlich gegen Beleidigungen, die er auch schwer verzeiht, und haßt die Undankbaren.
Der Befragende ist in diesem Augenblicke sehr mit einem Gegenstande beschäftigt, ich sehe ihn sogar schwanken, was ihm, der seinen Entschluß auf der Stelle zu fassen weiß, nicht oft begegnet. Ein Schritt, den seine Gattin tun muß, wird die Welt sehr in Erstaunen setzen. Doch wird die Dame einige Schwierigkeiten finden. Endlich wird dieser Schritt binnen 28 Monden von heute an geschehen und eine folgenreiche Scheidung darauf folgen.
Der Name des Befragenden wird bis an die äußersten Punkte der Erde dringen, und an großen Ereignissen mitwirken. Er wird der Vermittler wichtiger Interessen sein usw.«
Noch ward unter Anderem in dieser Prophezeiung gesagt, der Befragende würde die höchsten Ehren, die ein Mensch begehren könne, ersteigen, und sein Leben so reich an Ereignissen sein, daß sie zu deren Aufzählung einen Votivband benötigen würde. Sie riet ihm auch, vor dem Nordwinde auf der Hut zu sein.
Mlle. Lenormand verbarg ihren Dreifuß hinter einem Handlungsschilde: sie war Buchhändlerin, verkaufte aber nur ihre eigenen Werke. Sie weissagte nicht bloß aus Karten, (darunter auch Tarotkarten) sondern auch aus Eiweiß, aus Kaffeesatz, mittels der Alektromantie und der Katoptromantie. Sollte ein Ei als Weissagungsmittel dienen, so mußte es der Befragende zuvor drei Tage an sich getragen haben. Die Pythonissa zerschlug es dann, schüttete den Inhalt in ein Glas Wasser und zog nun daraus ihre prophetischen Sprüche.
Bei der Alektromantie verfuhr sie nachstehender Weise: Sie zog einen großen Kreis und schrieb um diesen die Buchstaben des Alphabetes. Auf jeden Buchstaben wurde ein Getreidekorn gelegt. Darauf setzte sie mitten in den Kreis einen lebendigen Hahn, und nach der Folge, in welcher er die Getreidekörner aufpickte, wurden die Buchstaben gedeutet, auf denen sie lagen. — Bei der Katoptromantie weissagte sie aus einem Tropfen Wasser, den sie auf einen Venetianer Spiegel spritzte.












