Mittwoch, 26.November 2008
Kritisches über Mlle Lenormand aus “Freya”, 1863
geschrieben von Lilith in Kategorie KartenlegenKommentare deaktiviert
Früher war doch nicht alles besser, habe ich jetzt festgestellt.
Eigentlich hat sich überhaupt nichts geändert.
Sicher, wir haben mittlerweile Handys und fahren Auto und nicht Kutsche.
Aber was die Meinung über Kartenleger und Wahrsager angeht, so hat sich in den letzten 150 Jahren nichts Erwähnenswertes getan. Die Einstellung zur Thematik ist heute immer noch genauso “aufgeklärt” und “modern” wie im Jahre 1863. Es gab dieselben Probleme, dieselben Stellen zum sich drüber Aufregen, dasselbe Geschimpfe.
Es gab Leute, viele Leute, die gingen hin, aber auch welche, die selbst Mlle Lenormand im besten Falle noch als “langweilige Hexe” bezeichneten. Im Brockhaus von 1827 finden wir über Mlle Lenormand: “[...] verdankt ihren Ruf der Gewandheit und Schlauheit, mit welcher sie vulgäre Neugierde zu täuschen verstand.[...] ”
Hier nun ein alter Bericht aus dem Jahre 1863 übers Kartenlegen und Aberglauben unter Erwähnung der Mlle Lenormand. Geschrieben wurde er demnach 20 Jahre nach ihrem Tod. Ein “Insiderbericht”, in dem wir u.a. aus erster Hand erfahren, dass es zu dem Zeitpunkt bereits einige Jahre her war, dass in einer groß angelegten Aktion für ihre 36 Karten und eine Anleitung zum Kartenlegen geworben wurde. Ein alter Bericht, in dem die Werbung, Art und Aussehen selbiger und die Anzahl ihrer Karten erwähnt werden.
Und ich gehe davon aus, dass die Werbeaktion nicht im Untergrund stattfand, sondern tatsächlich eine ganz populäre Angelegenheit gewesen sein muss, wenn noch Jahre später darüber gesprochen wird.
Um welche Karten es geht, meine ich auch herausgefunden zu haben. Das kommt dann in Kürze auf diesem Kanal. Quasi als nächstes.
aus einer Schrift von 1863:
Quelle: “Freya Illustrierte Blätter für die gebildete Welt 1863″
Die Kartenlegerin
Von C. F. A. Kolb
Ein naives, leicht zu deutendes Bildchen; — wer hätte nicht schon einmal die Karten legen und die zufällige Nachbarschaft derselben zu schalkhaften, im Tone eines Orakels gegebenen Prophezeiungen benutzen sehen ! Zumeist sind es Frauen, die sich an diesen Ergebnissen des Zufalls ergetzen, und weil sich die Orakel oft seltsam genug fügen, so werden die Karten nicht allein zur harmlosen Unterhaltung , sondern auch mit jenem unheimlichen Gefühle gelegt, welches schwache Gemüter ergreift, wenn sie an die geheimnisvolle Urne des Geschicks zu rühren glauben.
Stets bleibt im Menschen das Verlangen rege, den Schleier lüften zu können, der uns die Zukunft verbirgt, und zahllos sind die eiteln Versuche, ihn zu heben, zumal bei wichtigen Angelegenheiten und vor großen Entscheidungen. Wenn nun aber Frauen an diesem Schleier zu zupfen wagen, so geschieht es vor allem in den für sie wichtigsten Angelegenheiten, nämlich der Liebe und Ehe, und die Dinge, welche die ländliche Schöne auf unserem Bilde aus den Karten liest, möchten sich denn auch schwerlich auf Anderes beziehen.
Mit komischem Ernste rezitiert sie die wunderlichen, Wohl der Großmutter abgelauschten Phrasen: „Herz-Dame”, sagt sie, „das bist Du — daneben das Herz-As ist das Haus oder die Nachbarschaft und der Herz-Bube dabei eine Liebschaft in der Nähe.” Die kleine Zuhörerin errötet und protestiert. „ Still, ich sag’ es ja nicht, die Karten sagen es. Links liegt Carreau-Zehner, das ist eine Warnung zur Vorsicht, und Herz-Achter bringt angenehme Überraschung oder Besuch. Jetzt aber spukts, nimm Dich in Acht, es will Dich hassen: der Achter ist gedeckt vom Schippen-As, das ist der Malefiz, ’s gibt einen jähen Schreck und zwar durch eine böse Frau, denn Carreau-Dame liegt dabei. Treff-Achter aber, die Hochzeitskarte, ist ausgeblieben. Jetzt leg’ Dir’s selber aus, so liegen eben die Karten.”
Kommt nun zu allem Zufälligen noch zufällig die Großmutter dazu, so wird auch der Treff-Achter nicht ausbleiben und die Prophezeiung noch schneller eintreffen, als wenn die eifernde „Ahne” heute Abend die verschlagene Enkelin im vertrauten Gespräch mit dem jungen Nachbar ertappt, und wenn die beiden Mädchen noch nicht an die Unfehlbarkeit der Karten glaubten, so werden sie doch sicher an den Treff-Achter glauben.
Ein solcher Köhlerglaube hat freilich an unmündigen Dorfbewohnerinnen wenig Auffallendes, da er uns ja auch in den Kreisen gebildeter Damen begegnet. So fand ich einst in einer Gesellschaft mehrere, meist schriftstellernde Damen mit Kartenlegen beschäftigt, um sich, wie sie sagten, eine unschuldige Unterhaltung zu verschaffen. Da sie sich fast sämmtlich in den Jahren befanden, in welchen man nur noch um Besuche, Sterbfälle und Erbschaften die Karten befragt, so suchte man einem jüngern, noch Zukunft, vermutlich aber auch schon Gegenwart habenden Fräulein zu dienen.
Hatte die orakelnde Dame Kenntnis von zarten Beziehungen des Fräuleins, oder hatte nur der Zufall sein Spiel, kurz das Mädchen wurde von der den Karten gegebenen Deutung ganz außer Fassung gebracht, und obgleich die erschrockene Kartenschlägerin alles für Scherz erklärte und alle Anwesenden ihr Möglichstes taten, das arme Kind zu trösten, so blieb doch jede Vorstellung fruchtlos und das Mädchen entfernte sich in einem wirklich beunruhigenden Gemütszustande. Sie glaubte sich von einer geheimnisvollen Macht umgeben und ihr verborgenstes Denken belauscht. Auf Anraten des Arztes traten die Verwandten eine Reise mit ihr an, durch deren heilsame Zerstreuung glücklicherweise ihr gestörtes Gemüt wieder in’s Gleichgewicht kam. —
Vor einigen Jahren sah man in den meisten größeren Blättern einen Holzschnitt, welcher Demoiselle Lenormand, die berühmteste Wahrsagerin der Neuzeit vorstellt. Er sollte als lockender Aushängeschild dienen zum Verkaufe ihrer Karten und einer Anweisung, sich dieselben selbst zu legen und sein Schicksal zu deuten. Zehn Silbergroschen ist der Preis dieser 36 Karten, mit welchen, wie es in jener Ankündigung hieß, „Demoiselle Lenormand einst Napoleon seine Größe, sowie vielen Fürsten ihren Untergang verkündete.”
Drei Dinge sind jedoch bei dieser Empfehlung verschwiegen worden: daß die berühmte Wahrsagerin eben so oft aus der Hand und aus dem Kaffeesatze prophezeite, daß dieselbe eine schlaue Menschenkennerin und ihr das Ahnen des innern Menschen aus der Anschauung seiner ganzen Erscheinung die Hauptsache war und endlich, daß sie gleichwohl mit ihren Schicksalskarten Unheil genug angerichtet hat. Dem Beifall gegenüber, den diese Karten auch in Deutschland gefunden, darf wohl ein Beispiel hier angeführt werden.
Ein Schauspieler, Namens Tribot, Mitglied einer kleinen Pariser Bühne, bat die Lenormand kniefällig, ihm doch eine Glücksnummer für die Lotterie zu fagen. Die Zauberin wollte ihm lange nicht Gehör geben, endlich griff sie nach ihren schmutzigen Tarot-Karten und sah in die Hand des ungestümen Menschen, schüttelte aber bedenklich das Haupt und schwieg. Tribot stellte ihr vor, daß er arm, hilflos und Vater von zehn Kindern sei. „Wenn Sie eine bedeutende Summe gewännen,” erwiderte die Lenormand, „so würde dies für Sie das größte Unglück sein.” Tribot schwur hierauf, wenn er gewinne, so wolle er den Gewinn nur zum Besten seiner Familie verwenden.
„Wohlan,” erwiderte endlich die Lenormand, „wählen Sie 13, den Tag Ihres Namens, und 66, die Zahl Ihres Glückssterns.” Tribot besaß 20 Franken. Er wendete sie ganz an das Spiel und gewann — 96.000 Franken. Wie ein Wahnsinniger rannte er ohne Hut durch die Straßen und umarmte Freunde und Feinde. Paris ward ihm nun zu enge; er ging nach London, verschwendete die Hälfte seines Vermögens und suchte dann die Hazardspieler auf. Anfangs gewann er, dann erlitt er beträchtliche Verluste und kam endlich so herab, daß er wochenlang keine warme Suppe genoß. Im Jahre 1828 zog man ihn aus der Themse. Als die Lenormand das Schicksal Tribots erfuhr, klagte sie sich selbst als feine Mörderin an und verwünschte ihre Karten, die sie länger als ein Jahr nicht mehr berühren wollte. —
„Es ist ein Glück,” hörten wir einmal eine Dame ausrufen, „in einer Zeit geboren zu sein, in welcher die Vernunft den Aberglauben ganz aus dem Ideenkreise der Gebildeten verbannt, ja denselben aufgelöst hat!” Wir sind nun zwar überzeugt, daß jene Dame weder an Hexen noch Gespenster glaubt, daß sie in der St. Andreasnacht weder Blei gegossen, noch um Mitternacht rückwärts in’s Zimmer getreten, daß sie in Krankheitsfällen lieber ärztliche, als sympathetische Mittel gebraucht und schwerlich einer Zigeunermutter ihre schöne Hand darbieten wird, um sich aus den Lineamenten derselben deuten zu lassen, was ihr beschieden ist — aber hat nicht diese selbige Dame, wenn auch in moderner Weise, aus der Hand, d. h. aus der Handschrift sich wahrsagen lassen, „ob Schreiber dieses in einer zarten und wichtigen Angelegenheit Vertrauen verdiene?” fragte sie nicht bei Herrn B. , einem reisenden schädeltastenden Physiologen, an, „welche Bedingungen ihres Schicksals sie nach ihrer Kopfbildung in sich selbst trage”, und endlich, ist sie nicht ganz ernsthaft an klopfenden Tischen und Psychographen gesessen? Ihr jubelnder Ausruf ist also nur durch Mangel an Selbstkenntnis erklärlich, und unserer Zeit überhaupt noch mehr von den Dreifüßen zu Delphi und aus den Hainen zu Dodona und seinen weissagenden Hühnern geblieben, als die Meisten gestehen mögen.
Wenn nun also die Erfahrung lehrt, daß die beste Erziehung nicht vor romantischen Verirrungen und vor Traumgängen in das Übernatürliche schützen kann, ja daß sich manch ein Hochgebildeter in das Zwielicht des Mysticismus flüchtet, so möchte, bei dem allgemeinen Hange zum Wunderbaren, für schwache Gemüter nichts gefährlicher werden, als wenn sie sich selbst in Versuchung führen und mit dem Zufall spielen. Oft verblüfft die Antwort den Frager zumal in gewissen Stimmungen und Lebenslagen, so daß er vergißt seine Wahrnehmungen an der Vernunft zu regulieren und zuletzt das verspottete Opfer einer selbstgeschaffenen Täuschung wird.













