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Samstag, 3.April 2010
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[8] Kommentare
Viele kennen Jürgen Domian wahrscheinlich. Wer ihn nicht kennt, kann sich gern informieren. Bei Wikipedia oder auf der Domian-Webseite von einslive, auf Youtube und natürlich auf nachtlager, wo man unter “Archiv/”Einzelgespräche” so einige Perlen runterladen kann.
Ich gucke es seit 15 Jahren, bzw. höre es im Radio, wenn ich um 1 Uhr noch wach bin. Und das bin ich oft.
In den offenen Sendungen kann man zu allen Themen anrufen, über die man gerne mit ihm sprechen möchte.
Nun ging es auch dort um Heilersucht und Kartenleger.
Letzte Woche rief eine Dame bei ihm an, die seit 2 Jahren verstärkt Kartenlegerportale anruft und in dieser Zeit nun 80.000 € Schulden bei den Anbietern angehäuft hat. Damit nicht genug, sie ist straffällig geworden, weil sie falsche Namen und falsche Bankverbindungen benutzt hat, um sich erneut anzumelden, wenn man sie gesperrt hatte, nachdem ihr Limit voll war. Selbst als sie bereits unter Bewährung stand, hat sie damit nicht aufhören können.
“Ich richte mein Leben danach, wie die Karten sind,” sagt sie und “das Problem ist, dass ich daran glaube.”
Sie hat in den beiden Jahren täglich vormittags 2-3 Stunden und abends 2-3 Stunden mit Kartenlegern telefoniert. Also etwa Ø 5 Stunden jeden Tag wegen Problemen in ihrer Beziehung, in der sie seit 3 Jahren unglücklich lebt. Die Probleme sind dergestalt, dass sie total verunsichert ist, wenn ihr Freund sich nicht meldet. Auch kümmert er sich ihrer Meinung nach nicht genug um die beiden Kinder (5 und 2 Jahre) und nimmt selbst sie nicht wahr. Sie kann nicht mit ihm reden.
Zwei ihrer Freunde wissen von den Kartenlegeranrufen und den Schulden und sagen, es sei nicht normal, sie solle sich Hilfe holen. Das hat sie nun getan, war bisher drei Mal beim Therapeuten, ist aber unzufrieden, denn der Therapeut ist nur 1 x pro Woche 20 Minuten für sie da.
Die Kartenleger bei (wie sie sagt) Questico und anderswo musste sie 35 Stunden pro Woche in Anspruch nehmen.
Mehr als 100-fach so lange.
Bei dem Bedarf würde wohl auch jeder Freund abwinken.
Hier das Gespräch:
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Leider hat Domian nicht nachgefragt, was der Therapeut bisher zu ihr gesagt hat. Er fand nur 20 Minuten pro Woche zu wenig.
Die Nacht drauf hat sich dann eine ehemalige Telefon-Kartenlegerin bei Domian gemeldet, die diese Anruferin an der Stimme erkannt hat und erzählte, dass sie fünf Mal mit ihr gesprochen habe. Sie hat 2 1/2 Jahre am Telefon als Kartenlegerin gearbeitet, ist dann jedoch davon krank geworden. “Es ist Humbug, es ist Betrug.”
Auf Domians Frage, ob sie in irgendeiner Form eine Vorbildung hatte oder sich dareingearbeitet habe, sagt sie, nein, es wäre alles Quatsch.
- “Hast du dich denn in Sachen Karten dann wenigstens so’n bisschen eingearbeitet oder gar nicht?”
- “Nee, gar nicht.”
- “Würdest du sagen, dass dieses gesamte Astro TV, […] dass das alles Quatsch ist?”
- “Das ist Quatsch. Ja. ”
- “Du hast ja dann auch Kolleginnen von dir kennengelernt, die das auch machen. Waren das auch Frauen, die im Prinzip gar keine Ahnung von diesen Sachen hatten?”
- “Nein. Alle geblöfft. Alle.”
Bitte?
Das wäre ja so, als würde ich bei einer Kochrezepte-Hotline anfangen!
Hier das Gespräch:
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Bitter. Wo mag sie nur gearbeitet haben?
Jedenfalls irgendwo, wo der selbständig tätige Berater 21 Cent/Minute erhält.
Und unter 4 verschiedenen Namen.
“Vollkommen alles Betrug.”
Andererseits, die Damen bei den Sex-Hotlines bügeln ja auch beim Telefonieren, sagen manche…
Aber dass mancherorts Leute am Telefon arbeiten dürfen, die keine Ahnung vom Kartenlegen haben, hat mich jetzt doch schockiert.
Oder ist das heutzutage bei all den aus den Boden schießenden Lines üblich?
Ach, es ist zum Heulen.
Samstag, 3.April 2010
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[2] Kommentare
Donnerstag Abend bei Escher im MDR:
http://www.mdr.de/mediathek/7218457.html
Es geht um die ersten 20 Minuten, einschl. Gespräch mit Matthias Pöhlmann.
Die Dame im Film sagt in etwa das gleiche wie Sarah Lassez in “Psychic Junkie”. Meine Übersetzung des Vorworts und weitere Beiträge zur Heilersucht, Wahrsagersucht, Kartenlegersucht, Astrosucht (oder wie auch immer der offizielle Name ist) findet man hier im Blog bei einer Suche nach Heilersucht:
http://www.lilith-blog.de/index.php?s=heilersucht
Gut fand ich, dass Herr Escher das Fehlen von Freunden und Familie in kritischen Situationen ansprach. Genau das habe ich ja auch schon mehrfach hier erwähnt. Es geht nicht nur um das Hören hoffnungsvoller “Zukunftsprognosen”, die einen das augenblickliche Elend fast vergessen lassen, sondern auch darum, dass vom sozialen “Gratisumfeld” einfach niemand da ist, dem man sich in seiner Not anvertrauen möchte.
Auch erstaunt mich mittlerweile die Zeit nicht mehr, die manche pro Tag für Ansprechpartner benötigen, wenn sie in Krisen sind.
Tatsache ist aber auch, wenn ich hier im privaten Umfeld jemanden als Privatperson tröste mit “Es geht vorüber, du lernst bestimmt bald jemanden kennen, mit dem du ne Zeitlang glücklich bist, dann ist dies Schnee von gestern” geht das “hier rein, da raus”. Sage ich ihr denselben Satz mit Karten auf dem Tisch und lasse das “bestimmt” weg, erziele ich erfreulichere Effekte…
Es ist nunmal so.
Und daran wird niemand etwas ändern können.
Auch kein Hinweis auf ein Suchtrisiko in Kartenleger-Angeboten.
Es sind keine “psychologischen Tricks” oder was immer einem auch von allen Seiten an “die sind extra dafür geschult” unterstellt wird. Es ist menschlich, an Orakel zu glauben. In guten Zeiten ist es Unterhaltung, in schlechten etwas, aus dem man Hoffnung schöpft.
Donnerstag, 5.November 2009
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[9] Kommentare
Dieser Beitrag lungert schon seit über 2 Wochen in den Entwürfen vor sich hin. Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ein uninformierter Richter mit wohl von der reißerischen Fernsehberichterstattung beeinflusster Meinung ist nicht dazu angetan, mich zum Schreiben zu motivieren.
Mittlerweile wurde diese Verhandlung auch in einem anderen Blog aufgegriffen. Leider wurde die Meinung des Richters als “vom Gericht festgestellt” dargestellt, und das lese ich in dem Artikel definitiv anders.
Hier zunächst der Zeitungsbericht:
Teurer Draht zu den Sternen
Sie wurde in Abwesenheit wegen Betrugs verurteilt.
Wäre sie erschienen, hätte der Richter das Verfahren eingestellt, sagte er, weil
a) psychologische und astrologische Hotlines Lebenskrisen und Hilflosigkeiten ausnutzen und
b) “Die Mitarbeiter in den Callcentern [...] vor allem darin geschult [seien], die Anrufer in der Leitung zu halten, um sie damit finanziell auszunehmen.”
Wo nimmt er denn das her?
Hat vielleicht ein Reporter im Fernsehen mal so in den Raum geworfen. Die Realität ist anders.
Ich bin 1999 bei einer Line angefangen. Keinerlei Schulung, auch nicht, wie man jemanden in der Leitung hält. Keine Aussage, man solle die Anrufer ausnehmen.
Weder überhaupt, noch “vor allem”.
Danach hatte ich über 2 Jahre selbst eine Line. Dasselbe.
Ich habe niemandem irgendwelche Vorgaben über Gesprächsdauer gemacht, ich schulte keinen und “vor allem” nicht, wie man jemanden in der Leitung hält.
(Meine einzige Vorgabe war, das Fax in den damals noch verbreiten Fax-Komibgeräten zu deaktivieren, damit das Telefon eine Chance kriegt und der Anrufer nicht für 1,24 €/Minute das Faxgepiepe zu hören kriegt.)
Danach zu Viversum. Alles wie gehabt. Nichts der richterlichen Meinung geschah. Weder noch und “vor allem” keine Schulung, wie man jemanden in der Leitung hält.
Fazit: Ich habe es all die Jahre anders erlebt als der Richter.
Wer hier öfter liest, weiß, dass ich der Entwicklung, die das alles in den letzten Jahren genommen hat, durchaus sehr kritisch gegenüberstehe und mich Vorwürfen an all dem oftmals anschließe. Aber in diesem Fall kann ich es nicht, denn die Richtermeinung ist schlichtweg falsch.
Nun zum zweiten Punkt:
Die Anruferin, die die von ihr in Anspruch genommene Dienstleistung nicht bezahlt hat, obwohl sie eigentlich davon ausgehen konnte, dass sich in pro Tag (!) fast 9 Gesprächen und über 2 Stunden Telefonieren so einiges zusammenläppert.
Sie begründet ihr nur Teilbezahlen der 1.500 €-Rechnung für 6 Tage lang über 2 Stunden mit Astrologen Reden mit “damals seelisch ganz übel dran gewesen” zu sein.
Ja, das sind wir wohl alle mal.
Andere kaufen dann vielleicht verstärkt ein, gehen ins Bordell, versinken in Bars und Kneipen, lassen sich vom Arzt Medikamente mit Suchtgefahr verschreiben oder fahren einfach mal in Urlaub. Das alles hat seinen Preis, und niemand würde auf die Idee kommen, dem jeweiligen Anbieter ein Ausnutzen einer Lebenskrise vorzuwerfen.
Dank der einschlägig bekannten Berichterstattung macht man bei den Leuten, die in diesen Situationen am Telefon für diese Menschen zur Verfügung stehen, in der Hinsicht eine Ausnahme.
Ich habe hier des weiteren bereits soviel über Heilersucht geschrieben, Kommentare und auch das Buch von Sarah Lassez gelesen. Von “in 6 Tagen süchtig” war nie die Rede. Das kann es bei dieser Anruferin nicht gewesen sein.
Ich stelle die Angaben im Artikel mal in Zahlen dar.
In nur 6 Tagen kamen zusammen:
1.500 € à 2 €/Minute ergeben 750 Minuten => 125 Minuten am Tag.
51 Gespräche in 6 Tagen => 8,5 Gespräche am Tag.
750 Minuten in 51 Gesprächen => 14,7 Minuten pro Gespräch.
Das sind keine 3-Minuten-Abfertigungen, das sind schon richtige Gespräche.
Das Grundübel bei der ganzen Sache ist etwas, das ich hier schon öfter erwähnt habe. Die Menschen sind vielfach so einsam, haben niemanden zum Reden. Keinen Freund, der sich 1 Woche lang jeden Tag 2 Stunden die Zeit nimmt, um dem anderen in einer akuten Krise zuzuhören, was aber offensichtlich der Zeitrahmen ist, den manche Leute in ihren akuten Krisen tatschächlich benötigen (wie die Dame aus dem Artikel).
“Sollen die Leute doch zum Psychologen oder Psychiater gehen” hört man an vielen Ecken. Der hat aber keinen Soforttermin und schon gar nicht werden ihm in den ersten 6 Tagen nach akuter Krise einer Patientin täglich 2 Stunden Gespräch mit ihr vergütet.
Man begibt sich zum niederschwelligen Kartenleger oder Astrologen oder zu wem auch immer. Man geht hin, klingelt und hat sofort jemanden. Bzw. seit 10 Jahren ruft man ihn einfach an. Egal wann, irgendeiner ist immer wach.
Wenn man ihm dies nicht bezahlen würde, hätte man ihn ausgenutzt.
Nicht umgekehrt.
Es ist nämlich nicht so, dass der normale Kartenleger sagt, “ich falle jetzt 6 Tage lang jeden Tag für Sie 2 Stunden in stille Trance”, sondern der normale Kartenleger redet, beruhigt, gibt Hoffnung, er hört zu und ist da.
Macht ja sonst keiner…
Samstag, 28.März 2009
geschrieben von Lilith in Kategorie
Allgemein[15] Kommentare
Ich hatte mich geirrt, denn ich hatte vermutet, dass es bald einen deutschen TV-Film über eine an Wahrsagersucht/Heilersucht leidende Frau mittleren Alters gibt. Nun kommt zunächst mal ein Esoterik-”Tatort”. Ohne Heilersucht.
Das Erste | Sonntag, 29.03.2009 | 20:15 Uhr
Tatort: Gesang der toten Dinge
Aus dem Inhalt kurz ein paar Zitate, mehr unter den Links.
[...] In ihrer Nymphenburger Villa wird die Fernseh-Astrologin Doro Pirol erschossen aufgefunden. [...]
Doro und Remy agierten als populäre Esoterik-Stars in ihrer TV-Show „Astraltime” vor der Kamera. Selina arbeitet als Wahrsagerin hinter den Kulissen. Dort landet die Mehrzahl aller Anrufe vonseiten der Zuschauer. [...] Fefi ist besonders. Sie kann „Aura-Sehen”, ihre Begabung brachte ihr mehr als einmal Ärger mit den Behörden. Batic ist verblüfft, weil Fefi ihm von seinem einstigen Hund berichten kann, der lange tot ist und an dem sein Herz hing. Er bemüht sich, im Lauf der weiteren Ermittlungen bei klarem Verstand zu bleiben. Denn die Entwicklungen in der Villa und vor allem die Begegnung mit Fefi führen die Kommissare in eine rätselhafte Welt.
Hier finden wir noch einen Bericht über diesen “Tatort”.
Wormser Zeitung (von Susanne Müller)
Die hochsensible TV-Astrologin Doro Pirol wird tot aufgefunden. Die Münchner Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic ermitteln im Umfeld rätselhafter Hellseher und Esoterik-Anhänger. Gelingt es ihnen in diesem Fall bei klarem Verstand zu bleiben?
[...] Er heißt Remy und ist einer der Wahrsager, die im TV Leichtgläubige auffordern, sich “einzuwählen”, um ihnen dann Hahnebüchenes über das Jenseitige oder anderen esoterischen Unsinn zu erzählen. “Remy” und die aus dem Leben geschiedene Doro agieren im Film als populäre Esoterik-Stars in ihrer eigenen TV-Show “Astraltime” aber Ivo Batic und Franz Leitmayr finden schnell heraus, dass die Liebe vor der Kamera nur gespielt war.
[...] “Ich habe als Remy aber auch Kontakt zur Jungfrau Maria oder ein Erzengel tut mir Kunde”, erzählt Eisermann amüsiert von seiner Rolle “in einem Krimi, der eher eine Komöide ist als ein Film mit schwerer Verbrecher-Kost”. Das Drehbuch sei gespickt mit witzigen Dialogen so etwa derjenige, als er verhört werde von den Kommissaren. “Da sage ich: Ich muss mir erst mal Rat und Tat bei den Engeln holen, und da kontert Batic: Wollen Sie sich nicht lieber einen Anwalt nehmen?”
[...]
Am Sonntag geht’s aber nun erst einmal nach München, ins TV-Studio zu “Astraltime”. [...]
Das wird bestimmt gut.
[UPDATE 1]
Diskussionen dazu wird es vermutlich nach der Ausstrahlunge auch bei tarot.de und wasserfrau.com geben.
[UPDATE 2]
Huch, ich hatte es ja doch kommen sehen.
Hier schrieb ich am 21.09.2007:
Was kommt als nächstes?
Ein “Tatort” im Kartenleger-Milieu?
Ha!
Habe ich gar soeben den Beweis erbracht, dass man doch in die Zukunft sehen kann?
[UPDATE 3]
Und noch ein paar Links zu “unheilvollen” Vorabberichten:
http://www.tatort-fundus.de/web/index.php?id=9381
http://taz.de/1/leben/medien/artikel/1/ein-herz-fuer-hexen
http://www.cicero.de/97.php?item=3608
Viel Vergnügen heute Abend.
Mittwoch, 28.Januar 2009
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[3] Kommentare
Eine Journalismus-Studentin fragt freundlichst an, ob es hier jemanden gibt, der sich von der so genannten “Heilersucht” betroffen fühlt und der Lust hat, mit ihr darüber zu reden. Da Heilersucht hier im Blog schon öfter Thema war, dürfte der Begriff den Stammlesern nicht fremd sein. Auf meiner Homepage habe ich einen Online-Test.
Das Ganze wäre für eine Print-Reportage und die Person könnte daher auch gerne anonym bleiben. [...] Wichtig ist, dass ich niemanden vorführen oder blamieren will, sondern dass ich über dieses – wie ich finde – wichtige Thema mit jemand sprechen will, der auch wirklich davon betroffen ist, um es besser zu verstehen.
Wenn ich Sie beide zusammenbringen kann und Sie Interesse an der Reportage haben, schreiben Sie mir einfach kurz, schmerz- und formlos an mail@lilith-kartenlegen.de
Ich gebe die Mailadresse der Journalistin an Sie weiter, und Sie können sich bei ihr melden.
Und ja, sie hat eine “richtige” nachprüfbare Adresse. Kein @gmx oder sowas. Es gibt sie wirklich. Also keine verdeckte Esoterikanbieter-Aktion, um an valide Adressen von an Kartenlegen interessierten Personen zu bekommen.
Wir wissen ja: Aufpassen. Es gibt in unserer Branche nichts, was es nicht gibt.
Ich fühle mich irgendwie wie Umsatzsteuer.
Ein großer durchlaufender Posten für dies und das.
Konto 1590.
À propos, wo ich doch grad meine Verwaltungswochen unterbreche:
An dieser Stelle ein kurzer aber irgendwie guter Witz [via]:
Fragt der eine Hund den anderen: “Wie heißt du?”
Sagt der andere Hund: “Ich glaube sitz.”
Montag, 12.Januar 2009
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[21] Kommentare
Gestern (11.1.2009) im ZDF:
ZDF.reportage – Karten, Pendel, Horoskope
“Echte Lebenshilfe oder nur Geschäft?”
Wer es verpasst hat, kann es in der ZDF-Mediathek gucken:
ZDF.reportage – Karten, Pendel, Horoskope online gucken
Ein realistischer Beitrag über das “sowohl als auch”. Nämlich über die, die damit vernünftig umgehen und die, die es übertreiben. Ich schließe mich den Aussagen des hier allseits bekannten und hier oft verlinkten Christoph Teich von Tal19 an.
Die Sendung zeigte einige Szenen, in denen es für die Menschen sehr erfüllend und beruhigend war, sich mit Karten, Engeln, Gott oder Beten zu beschäftigen. Egal ob dies nun in einer Gruppe stattfand oder allein mit einer Kartenlegerin. Es kam aber auch die abhängige Dame zu Wort, die in einer bestimmten Lebenssituation davon abhängig war, dass ihr mehrmals täglich jemand “alles wird gut” sagte, um sie zu beruhigen, weil sie genau das in dem Moment hören musste.
Von diesem Verhalten, das hierzulande den Namen “Heilersucht” bekommen hat, handelt das (ebenfalls oft hier erwähnte) Buch “Psychic Junkie” der amerikanischen Schauspielerin Sarah Lassez. Hier im Blog in “Telefon-Kartenlegen-Junkie” habe ich bereits einen umfassende Beitrag dazu geschrieben einschl. einer Übersetzung des Prologs.
Die Diagnose von Sarah Lassez lautete “Obsessive-Compulsive Disorder” (bei Google) = Zwangsstörung
Auch Sarah Lassez hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und es hat ihr (wenn auch nur etwas) geholfen. Sie hat allerdings den Fehler gemacht und diese Selbsthilfegruppe im Internet gegründet. Und wer das Netz kennt, kann sich vorstellen, wie es dort schon nach kurzer Zeit rundging. Es kamen nicht nur die, die darunter litten und sich dort gegenseitig halfen, sondern auch die Esoterik-Anbieter, um Schleichwerbung zu hinterlassen (denn wo kann man besser fischen als in einem Teich voller Linesüchtiger?), und es kamen die besserwissenden sich ereifernden “Missionare”, die die Abergläubischen auf einen, ihrer Meinung nach, richtigen Weg führen wollten.
Somit war das Projekt gestorben.
Die Dame aus der Reportage tut gut daran, die Gruppe im RL zu gründen.
Das anonyme Internet mit den “Trollgruben” Groups, Foren, Chats und Blogs ist dafür auf jeden Fall absolut ungeeignet. So eine Gruppe lebt vom Vertrauen untereinander. Um dieses nötige Vertrauen zu schaffen, ist das Internet ganz sicher der falsche Platz!
Wir haben ja erst vor kurzem die üble Gruppendynamik erleben dürfen, als das Netz ein paar Fanatikern wieder einmal ein zweifelhaftes Podium geboten hat. Ich finde die intoleranten Respektlosigkeiten unerträglich und halte mich von solchen Stellen im Netz ganz schnell ganz fern. Ich persönlich möchte mit solchen Leuten nichts zu tun haben, was heißt, ich gehe ihnen aus dem Weg.
“Mit Fanatikern zu diskutieren heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.”
(Hans Kapser)
.
Hier die üblichen Verweise auf ein paar der früheren Diskussionen hier:
20. August 2008
TV-Tipp: NDR, Sonntag, 31.08.08 | 15:15 h | Nichts ohne meinen Wahrsager
7. August 2008
In den Fängen von Wahrsagerinnen
9. Mai 2008
TV-Tipp, 10.5. HR: Sag mir, was die Zukunft bringt
17. März 2008
Telefon-Kartenlegen-Junkie
6.Februar 2008
TV-Tipp: Donnerstag, 7.2., 21 h ZDF
23. Oktober 2007
FAZ, es reicht!
21. September 2007
Programmtipp Sonntag: “Nicht ohne meinen Wahrsager”
31. Juli 2007
TV-Tipp: again again again again …
Mittwoch, 8.Oktober 2008
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[4] Kommentare
[UPDATE 12.1.2009]
Ich denke, die hier zunächst geplante Sendung wurde gestern gesendet.
Alles weitere hier:
http://www.lilith-blog.de/?p=524
.
[UPDATE 11.10./3:00]
Na, wer hat sich das gewünscht? 
Es fällt aus.
Stattdessen kommt eine Wiederholung der Reportage über das weit wichtigere “Haus weg, Bank weg, Geld weg” (von Dienstag Abend). Eine weise Entscheidung. Die Fischlein können wieder beruhigt weiterschwimmen. Doch als TV-Tipp bleibt die Sendezeit trotzdem bestehen, denn das Thema wird uns ebenso betreffen. Da sehen die Röntgenbilder nämlich auch nicht grade gut aus…
.
Es ist mal wieder so weit.Sonntag, 12.10.2006, ZDF, 18:25 – 18:55 hZDF.reporter/reportage
“Karten, Pendel, Horoskope – Echte Lebenshilfe oder nur Geschäft?”
[...]
Das Geschäft mit der Zukunft boomt zurzeit. Millionen von Euro setzen Kartenleger, Pendler und Handleser um. Vor allem Frauen suchen sich Hilfe – bei zum Teil halbseidenen Anbietern. Angst vor der Zukunft, die Instabilität moderner Beziehungen – hier liegen die Ursachen für die wachsenden Geschäfte. Ganze TV Sender sind in das Geschäft mit Esoterik via Telefon eingestiegen.
Manche der Gespräche sind so angelegt, dass sich labile Anrufer animiert fühlen, immer wieder anzurufen. Viele Anrufer verschulden sich, oft aus Einsamkeit, und weil sie wieder und wieder anrufen, solange bis sie positive Prognosen zu hören. Eine von ihnen ist Helga. Sie hat an manchen Monaten 2000.- Euro allein fürs Telefonieren ausgegeben, nur weil sie hören wollte, dass ihr Partner zu ihr zurück kommt.
Psychologe Teich aus München betreut einige Menschen, die schon Tausende von Euro bei der Zukunftsberatung gelassen haben. “Sie suchen Halt und bemerken nicht, dass sie immer weiter in eine mentale Abhängigkeit geraten.”
[...]
Das wird also wieder wie gehabt. Zwanghaftes Telefonieren mit Kartenlegern, weil man hören wollte, dass der Partner zurückkommt und wieder Christoph Teich, der Leiter von “Tal 19“, der allerdings lt. Webseite Diplom-Sozialpädagoge ist und keine Psychologe.
Scheint aber trotzdem keine Wiederholung zu sein.
Hier kurz ein Verweis auf ein paar der früheren Diskussionen hier:
20.August 2008 TV-Tipp: NDR, Sonntag, 31.08.08 | 15:15 h | Nichts ohne meinen Wahrsager
7.August 2008 In den Fängen von Wahrsagerinnen
9.Mai 2008 TV-Tipp, 10.5. HR: Sag mir, was die Zukunft bringt
17.März 2008 Telefon-Kartenlegen-Junkie
6.Februar 2008 TV-Tipp: Donnerstag, 7.2., 21 h ZDF
21.September 2007 Programmtipp Sonntag: “Nicht ohne meinen Wahrsager”
31.Juli 2007 TV-Tipp: again again again again …
Donnerstag, 7.August 2008
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[37] Kommentare
Der Hinweis auf die Sendung kam im Forum von
Wasserfrau.
Ein Fernseh-Beitrag in
“Markt” im NDR.
Hier kann man es online anschauen (sind 6:26 min):
“Markt”-Bericht: Wahrsager – miese Geschäfte mit dem Glück
Es geht um Heilersucht, die Sucht nach Kartenlegern.
Wahrsager: Miese Geschäfte [...] die Fänge von Wahrsagerinnen
Das letzte Drittel des Artikels handelt von
Tal19 und dass es da Hilfe gibt.
Zum Filmbeitrag
Der beginnt mit Astro TV. Und zwar mit einer als “Kassandra” dargestellten Moderatorin, die sagt, sie habe vergessen, sich ein drittes Auge auf die Stirn zu malen. Was soll man da als Zuschauer nun denken?
“Schade, hätt ich zu gern gesehen”?
Oder “Gott sei Dank”?
Ich denke: “Auweia. Das wird wieder peinlich!”
Doch es wird schlimmer als das. Erste Anruferin, 27, schwanger, will wissen, ob es mit dem Erzeuger “was Festes” wird. Sie kriegt als prompte Antwort nach einem tiefen Seufzer nur vier Worte zu hören: “Es wird nichts Festes.” – “OK.” -”Alles Liebe. Tschau.”
Alles Liebe. Alles klar. Und die nächste Anruferin bitte.
Diese sitzt nun sicher da. Schwanger, allein, ohne Hoffnung und abgeledert.
Die nächste Anruferin: “Kommt mein Herzensmann zurück?”
Und tatsächlich: “Der kommt zurück. Aber das wird nicht schön für dich.”
Hach, da freut man sich doch sicher so richtig auf weitere Jahre mit diesem alten Sack!
Weiter geht’s mit einer Dame, die als “Lockvogel” bei den “Propheten” bei Astro TV anrufen soll. Nach 10 Euro, also nach 20Einwahlversuchen à 50 Cent, hat sie immer noch kein Glück gehabt, sie ist nicht durchgekommen, sie gibt auf. Glück im Spiel kann man halt nicht erzwingen. Das hat man manchmal oder halt nicht. Diesen Beweis hat die Lockvogel-Dame gerade erbracht. Außerdem kommt es ja auch ein wenig drauf an, wie die da ihre 0137-Nummer geconfigt haben, denke ich. Da ich mal selber so eine hatte, weiß ich, dass es da verschiedenste Möglichkeiten gibt.
Weiter im Film.
Zeitungsbüdken mit Eso-Zeitschriften. Der vom Pech verfolgte Lockvogel kauft sich nun ein paar Printprodukte mit vielen Kleinanzeigen und los geht’s. 1 bis 2 Euro pro Minute kosten die Anbieter. “So teuer wie Telefonsex,” erklärt uns Unbedarften der Sprecher. Ach soooo! Ja, stimmt, jetzt kann man sich das alles gleich viel besser vorstellen. Oder für die, die damit nicht so viel anfangen können: Kartenleger kosten pro Minute etwa so viel wie 3 Snickers oder 2 Magnum-Eis oder 1 Dose Pedigree Pal.
So langsam frage ich mich: “Wer ist eigentlich “Markt” – Zielgruppe?”
All die Telefonsexroutiniers, die nun endlich wissen, dass es für den gleichen Preis auch noch Alternativen für die einsamen Stunden gibt? Oder prüde Leute, die nun wohl hoffentlich mit derselben Abscheu Telefonkartenleger betrachten, mit der sie sonst über Telefonsexdamen die Nase rümpfen? Oder die Fast Food (auch Kartenleger-)kunden, die sowieso überall nach 3 Minuten fertig sind? Zu erkennen an der Akku-Lüge: “Lass gehen, mein Akku ist fast leer.”
Außerdem stellt sich mir die Frage: “Wie lange dauert eigentlich so ein durchschnittlicher gewerblicher Telefonsex?” Kann man das überhaupt so pauschal sagen? Vielleicht wäre jemand so lieb und würde den
Wikipedia-Artikel ergänzen. Oder ich lese mich mal im berühmten
Telefonsexblog ein.
Egal. Kartenleger sind so teuer wie Telefonsex. Das muss uns reichen.
Weiter.
Der Lockvogel, übrigens glücklich liiert und Mutter, ruft nun sechs Kartenleger an mit der Frage, wie bei ihr der Sommer wird in Sachen Liebe. Ein glücklicher Sommer, ein Mann kommt bald, einmal sogar noch eine Schwangerchaft im Herbst. So der Tenor. Knapp 200 Euro sind weg nach den sechs Anrufen. Ja, so ist das. Macht pro offensichtlich mindestens 15-Minuten-Gespräch für die Frage nach dem Sommer etwas über 30 Euro pro Gespräch. Leicht teurer als auf der Kirmes, etwas preiswerter als im Puff, aber im großen und Ganzen doch im Rahmen.
Und mal unter uns:
Wer im wirklichen Leben würde denn 6 Mal hintereinander, eh, anrufen?
Einmal reicht ja wohl erstmal.
Aha. Die nächste Szene gibt die Antwort. Die telefonsüchtige Dame.
Sie war mit einem gebundenen Mann zusammen, der sich nicht von seiner Partnerin trennte und hörte wohl gern, dass er das doch tut bzw. “mit Zeitangabe”, wann er das endlich tut.
“Süchtig nach Aufmerksamkeit der Kartenleger” sagte sie, die Einsamkeit, die Verständnislosigkeit in ihrem Umfeld.
Und eben der gebundene Mann.
Und aber bitte nicht den Zwang vergessen, jetzt in diesem trostlosen einsamen Moment, Aufmunterung von Fremden zu brauchen. Man will und muss jetzt hören, dass doch alles gut wird.
Der evangelische Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann erklärt es sehr sympathisch und vernünftig. Alle Daumen hoch für ihn.
Längst nicht jeder ist “suchtgefährdet”! Einige Menschen jedoch sehr wohl. Und bei denen nimmt Heilersucht, Wahrsagersucht, Kartensucht dann leider nur zu oft denselben üblen Verlauf wie alle anderen teueren Süchte. Aber es gibt ja Hilfe.
Tal 19 hat sich darauf spezialisiert.
Weiter. Nun der obligatorische Schwenk zum Marktführer Questico.
Wie in nahezu jedem Bericht über die bösen bösen Kartenleger.
Die vorgestellte heilersüchtige Dame hat oft dort angerufen.
“Vor den Kosten gewarnt hat sie niemand.”
Eine Warnung der Anbieter vor dem eigenen Produkt oder der eigenen Dienstleistung fällt mir allerdings jetzt auch nur in einem einzigen Fall ein. Bei Milka. “Aber Vorsicht. It’s cool, man.” Fishermen’s Friend nimmt den Leuten von Anfang an sowieso den Wind aus den Fischerboot-Segeln: “Sind sie zu stark, bist du zu schwach.”
Ich kann das immer nur wiederholen. Der Minutenpreis steht dabei. Es wird extrem zeitnah abgebucht, es gibt kein “aus allen Wolken Fallen” nach ein paar Wochen. Der Konsument weiß, dass und wieviel es kostet. Und möchte diese Dienstleistung trotzdem in Anspruch nehmen.
Ich unterbreche für einen erneuten Hinweis auf meinen Heilersucht Online-Test:
http://www.lilith-kartenlegen.de/heilersucht.htm
Weiter im Film.
Questico verweigert ein Interview und möchte sich lieber schriftlich äußern. Die Suchtgefahr wird eingeräumt, Hilfsangebote (Suchtberatung, Seelsorge) werden genannt. Na also. Was will man denn mehr?
“Questico boomt und expandiert. Auch mit dem Geld Verzweifelter in Notsituationen.”
Soll man jetzt gar denken: “Typisch Wirtschaftsunternehmen. Wollen alle Geld verdienen.”?
Was ist mit den Brauereien? Was ist mit den Schnapsimperien? Was ist mit der Zigarettenindustrie? Der Pharmaindustrie?
Da wird auch so manche Yacht in der Karibik mit Geld Verzweifelter in Notsituationen finanziert.
Und nicht nur eine!
Manches macht manche süchtig.
Das ist nunmal so.
Da kann man nicht die Anbieter oder die soziale Marktwirktschaft verteufeln.
Selbst in der Planwirtschaft gab es Sucht!
Ach, weiter im Film.
Ein realer Kartenleger aus Fleisch und Blut kommt zum Lockvogel ins Wohnzimmer.
Dieser lässt ganz schön vom Leder.
Entfremdung in der Partnerschaft, Lügen, Tratsch, andere Frau.
Nun. Das ist für viele ein “No-Go” beim Kartenlegen und ganz sicher nicht die Regel.
Da haben sie tatsächlich einen rausgefischt, dessen Art und Weise beim Kartenlegen nicht die Zustimmung der Mehrheit der Kartenleger finden dürfte. Ich denke, viele sind sehr verantwortungsvoll. Ich weiß, es gibt sie die sadistischen Kartenleger. Ich habe sie selber auch schon getroffen. Aber da muss man eben stark sein, sonst ist man zu schwach…
… und nicht alles so ernst nehmen!
Kartenlegen ist wirklich nur eine Unterhaltungsdienstleistung, aber kein Garant für Liebesglück.
Auch wenn man es gerne anders sehen möchte.
Und nein, nein, nein, das Leben ist kein Wunschkonzert, die Zukunft ist nicht festgelegt, ein Kartenleger bringt keinen Mann, er stellt nur einen in Aussicht. Ihm auffallen, ihn kennenlernen, mit ihm zurechtkommen oder halt auch nicht, muss man immer selber!
Linktipp:
Mein Blogeintrag, eine Leseprobe und die weiterführenden Kommentare zum Buch von Sarah Lassez: “Psychic Junkie”
Über die Schauspielerin, die dann irgendwann aufgrund des zwanghaften Verhaltens therapiert wurde, und der es am Ende doch einigermaßen gelang, den Zwang immer wieder und immer wieder anrufen zu müssen, in den Griff zu bekommen.
Dienstag, 1.April 2008
geschrieben von Lilith in Kategorie
Allgemein[7] Kommentare
Ich habe grad überlegt, ob ich einen Aprilscherz machen soll.
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Ich spar mir das aber lieber, denn ich bin noch ein bisschen “traumatisiert”
vom letzten Aprilscherz vor 3 Jahren, der eine Dame in meinem damaligen Forum tatsächlich dazu veranlasst hat, nie mehr wiederzukommen, weil sie das u. a. geschmacklos fand und sich vor den Kopf gestoßen fühlte. Und das waren noch die freundlicheren Bemerkungen.
Dass sie mich daraufhin in anderen Eso-Foren öffentlich als geistig umnachtet darstellte, will ich mal großzügig übersehen. Ich bin ja nicht so, und habe großes Verständnis für viele Eigenarten und -schaften des menschlichen Charakters.
Damals wurde am 1. April (der Plot kam übrigens von einer rollenspielaffinen Moderatorin) die “neue” Fake-Admin Relapsa vom Orden der blutschwarzen Töchter eingeführt, die mitsamt 7 Priesterinnen bei mir eingezogen war, um mir den Weg ins dunkle Licht zu zeigen. Immerhin wollte ich Hohepriesterin werden. Im Laufe des Tages tauchte mein Foto mit Glatze auf, als Beweis für den Initiationsweg, den ich nun beschritt. Gleichzeitig wurden schleichend ein paar Unterforen über Sexual- und Blutmagie eingerichtet und angekündigt, die Kartenrubriken mittelfristig zu schließen.
Für Relapsas Signatur wollte ich zunächst “Warum liegt denn hier Stroh rum?” wählen. Entschied mich dann jedoch für das esoterischere “Warum hast du eine Maske auf?” – allerdings
aus demselben Film.
Von daher bleibt es hier heute mal scherzfrei.
Vielleicht nächstes Jahr wieder…
Kryptische Grüße, wie Relapsa immer schrieb, und schönen ersten April.
Montag, 17.März 2008
geschrieben von Lilith in Kategorie
Kartenlegen[25] Kommentare
Es geht um Heilersucht.
Um Heilersucht, um die Anrufer, um Telefonberatung, um Wahrsager, um Kartenleger und vielleicht um ihre Einstellung zur Arbeit, vielleicht auch nicht, denn ich muss meine selbige nun erstmal überdenken und habe im Moment nur verschwommen eine…
Die Recherche für dieses Thema hat mich schwer zum Nachdenken gebracht. Ich beginne langsam einen Eindruck davon zu bekommen, wie es sich anfühlt, wenn man “Psychic-Junkie” ist. “Psychic” ist der allgemein geläufige amerikanische Begriff für die Leute, die wir hier in Deutschland “Wahrsager” nennen. Und “Junkie” wie Junkie halt, die landläufige Bezeichnung für einen Abhängigen.
Angeregt durch ein Thema in einem Forum, habe ich wieder ein bisschen auf US-Seiten geschaut, was es so Neues gibt in Sachen Kartenlegen & Co. Denn frei nach “First we take Manhattan, then we take Berlin” gilt: was in USA mehr oder weniger erfolgreich läuft, ist irgendwann auch hier.
Die erste Telefon-Kartenleger-Hotline wurde dort 1990 gegründet, da hatten wir nicht mal 0190-Nummern. Zu der Zeit waren bereits Fernsehwerbespots für solche Angebote gang und gäbe. Bei Youtube sind ein paar Spots aus der Zeit:
hier zum Beispiel
von 1990 |
von 1992
Und so wie das ganze Thema dort viel eher als hier begonnen hat, traten die unschönen Begleiterscheinungen der schnellen, anonymen, bequemen, praktischen rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit der Telefonkartenleger (der sogenannten Phone-Psychics) da auch viel eher als hier zu Tage.
Mittlerweile gibt es unzählige und teilweise wirklich gigantische Beraterportale dort – mit Massen von Beratern und Minutenpreisen in astronomischen Höhen.
Gerade sehe ich z. B. 6 Berater für sogar $ 20 Dollar pro Minute online.
Das sind zur Zeit 12,70 €.
Zehn Minuten Telefonieren für 127 Euro.
Was mich nachdenklich gemacht hat, war bei Amazon der Auszug aus einem Buch einer heilersüchtigen Dame. “Psychic Junkie” heißt es, 336 Seiten, leider nur auf Englisch zu haben.
bei Amazon.de bestellen
Es wurde in einem
Artikel der New York Times erwähnt. Die Schauspielerin Sarah Lassez hat es 2006 als Selbsthilfebuch geschrieben. Zu einer Zeit, wo sie bereits über 10 Jahre abhängig von Telefon-Kartenlegern gewesen war. Sie geht dort auch auf den Satz “for entertainment purposes only” (nur zur Unterhaltung) auf der Seite von keen.com ein. Ihre Reaktion auf den Satz hat mich beschämt. Denn ich benutze ihn ja auch immer, wenn ich versuche, meine Einstellung zum Kartenlegen darzustellen.
Ich habe mir das Buch bestellt. Der bei Amazon.com veröffentlichte Prolog hat mich sehr neugierig gemacht, und ich bin gespannt darauf wie es weitergeht, wie Sarah Lassez es schließlich geschafft hat, die Sucht durch dem Beitritt zu einer Selbsthilfe-Gruppe im Internet relativ gut in den Griff zu kriegen.
Ja, bisher liest es sich so als wollten die Süchtigen wirklich, dass man sagt, was sie hören wollen, ansonsten hätte ihnen das Anrufen nichts gebracht. Und bevor sie das nicht hören, hören sie für den Moment auch nicht auf, bei den Kartenlegern anzurufen. Wenn man also möchte, dass sie sich nicht verschulden, so sage man geflissentlich das, was sie hören wollen. Nur darum geht es. Dann sind sie beruhigt und telefonieren nicht weiter. Und um ihnen nicht zu schaden, sage man es schnell, preiswert und ohne große Belehrungen drumherum.
Es geht nicht darum, eine Situation zu beschreiben, wie sie sich entwickelt, warum man da steht, wo man steht, wie die Einflüsse der anderen sind und wie es enden kann, womit man rechnen könnte usw. – wie das eben so ist. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und ein bisschen Zukunftsmusik.
Nein. So nicht. Sie haben ihre Fragen und die möchten sie punktgenau ohne tralala zur Beruhigung beantwortet haben. Und das so kurz und knapp wie möglich. Wenn ich mir auf der Grundlage des Buchtextes einige Bewertungen auf den Portalen nochmal zu Gemüte führe, wird einiges klarer. Nun weiß ich auch, wie das “ich liebe dich” in den Bewertungstexten möglich ist. (Was mir immer ein Rätsel war.)
Ich habe den Amazontext, also einen Teil des Prologs des Buches, übersetzt und füge ihn hier ein, dann können Sie sich ein Bild davon machen, wie es Sarah Lassez ging, bzw. um was es in dem Buch geht. Aber auch, über was ich nun nachdenke…
Was kann ich als Kartenlegerin denn überhaupt tun?
“Hallo, Sie sprechen mit Lilith. Was ist Ihr Problem, und was möchten Sie hören?”
Ist das etwa eine Hilfe? Die einzige Hilfe, die man als Kartenleger leisten kann?
Ich weiß es im Moment nicht.
Vielleicht weiß ich ein bisschen mehr, wenn ich das Buch gelesen habe.
Aber hier nun der Prolog. Gute Unterhaltung.
(gut, ich bin kein großer Übersetzer, aber etwas besser als Babelfish ist es schon…)
“Psychic Junkie” von Sarah Lassez
(Ist recht lang, daher können Sie es hier extra anzeigen lassen, wenn Sie es lesen möchten.)
show
Über das Buch
Die Zukunft liegt vor dir.
Aber du kannst für eine Vorhersage bezahlen.
Als sich ihr versprochener Ruhm nicht einstellt, findet die sich bemühende Schauspielerin Sarah Lassez Trost in Wahrsagern, die ihr das Auftauchen des Traummannes vorhersagen.
Sie ist sicher, dass sie ihn in Wilhelm, einem freundlichen stellvertretenden Hoteldirektor aus Deutschland, gefunden hat. Aber das Chaos geht los, als sie die Worte der Kartenleger wichtiger nimmt als die Worte ihres aktuellen Freundes und ist davon überzeugt, er habe vor, ihr einen Heiratsantrag zu machen, wo er jedoch in Wirklichkeit plant, das Land zu verlassen… ohne sie.
Sarahs Welt löste sich auf in einem Nebel von Kreditkartenschulden, Einsamkeit, einer steigenden Sucht nach Wahrsagern, die ihre Finanzen, ihre Beziehungen und ihre Gesundheit zu zerstören drohen. Sie weiß, sie braucht Hilfe. Aber diese zu bekommen würde bedeuten, sich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass das Leben nicht kontrollierbar oder vorraussagbar ist, und obowhl das Zurechtkommen mit der Realität nicht immer leicht ist, kostet es wenigstens keine $ 4,99 pro Minute.
“Psychic Junkie” ist eine wahre Geschichte eines Lebens und einer Liebe in Los Angeles, erzählt von einer liebenswerten Protagonistin, deren Suche nach Antworten mit jedem in Resonanz geht, der je versucht hat, sich auf Karriere, Beziehungen und Erwachsensein einen Reim zu machen.
Prolog
For Entertainment Purposes Only – Nur zur Unterhaltung
Mir wurde gerade erzählt, meine Beziehung sei Sellerie.
Seit 2 Wochen habe ich mich in meinem Zimmer versteckt, das aussieht, als habe es eine Razzia eines sehr respektlosen FBI-Teams über sich ergehen lassen. Ich bin total pleite, arbeitslos, selten geduscht. Und jetzt gehe ich mit einem Gemüse aus. Oder ging mit einem Gemüse aus. Oder bin ein Gemüse? — Als ich begreife, ich bezahle für Schweigen. Das Wort “Sellerie” hat mich aus der Fassung gebracht. In der Vergangenheit haben Wahrsager für Wilhelm eine Menge Bezeichnungen genannt (meine Favorit in dieser Sache war, er sei ein Nilpferd; ein nur trügerisch ruhiger Pflanzenfresser, bei dem es klüger war ihn zu fürchten), und ich hab mich immer schnell davon erholt. Aber Sellerie? Sellerie nimmt sich den Mann, den ich liebe, schmerzende grüne Augen und hohe deutsche Wangenknochen und ersetzt ihn durch etwas, das, halten wir uns das vor Augen, geschmacklos ist, bevor man es nicht in Ranchmarinade getunkt hat.
Ich drücke das Telefon enger an mein Ohr. Ich muss etwas sagen. “Sellerie?” sage ich. Großartig, Sarah. Tolle Antwort. Die war die lange teuere Pause wirklich wert.
“Ja. Sellerie.” Die Wahrsagerin hört sich ärgerlich an, so als sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass es eine reelle Chance gibt, dass seine Beziehung Sellerie ist. Offensichtlich bin ich ein Stänkerer. “Sellerie, der entzwei gebrochen wurde. Kennst du diese faserigen Dinger am Ende? Das ist das, was euch zusammenhält. Diese faserigen Dinger. Ihr seid also nicht komplett getrennt, weil die zwei Teile, du und er, werden zusammengehalten von diesen faserigen Dingern, die hauptsächlich…”
“Ja, okay.” sage ich, ihren Monolog über die Bearbeitung und philosophischen Verwicklungen von Sellerie unterbrechend. “Ich hab’s kapiert. Also, siehst du uns wieder zusammen?”
Sie macht einen langen, tiefen, strafenden Atemzug. Ich mache keinen Witz, dass er mich bestraft — bei $ 7,99 die Minute glaube ich, ich habe ihr gerade $ 1,50 fürs Einatmen und Ausatmen bezahlt.
“Ja” sagt sie endlich. “Tue ich. Aber es dauert eine Weile. Er ist im Moment eine Schildkröte. Er beweg sich seeeehr laaaaangsaaaaam. Stell dir eine Schildkröte vor–”
Toll. Ich kann mir keine Lebensmittel leisten, aber ich habe gerade eine gemeine Wahrsagerin dafür bezahlt, dass sie mir erzählt meine Beziehung ist Sellerie und der Mann, den ich liebe, ist eine Schildkröte. Ich lege auf. Wenigstens kommen Wilhelm und ich wieder zusammen. Auf zum Nächsten. Wahlwiederholung.
“Willkommen im Wahrsagertempel. Bitte bleiben Sie darn, während wir Sie mit Ihrem Berater verbinden.”
“Hallo, hier ist Glenda.”
Nun, Glenda hat eine von diesen heißblütigen Stimmen, die sich gut geschmiert mit Weinbrand und gut gerüstet für eine Zigarette anhören, als wenn sie ihre Nachmittage träge zurückgelehnt in elfenbeinfarbener Seide verbringt, das Handgelenk einfach so abgewinkelt, exotische Augen, die ihr einen Eindruck ewiger Langeweile verleihen, der Männer dazu veranlasst zu stolpern und zu stottern. So hört sie sich an, wenn ich Geld drauf wetten sollte, würde ich jedoch sagen, sie trägt in Wirklichkeit Jogginghose, stopft ihr Gesicht mit Bonbons aus und hat grad ihr Video-Poker Spiel auf Pause gestellt. Ich überkreuze meine Finger. Mach mich glücklich, Glenda.
“hallohieristSarahundichmöchtewissenwasmitWilhelmpassierenwird.”
Wenn du diese Worte ausbreitest, vielleicht etwas langsamer während des Sprechens, so dass jedes für sich ist (so wie – rein technisch – Worte sein sollten), würden sie so aussehen: “Hallo hier ist Sarah und ich möchte wissen was mit Wilhelm passieren wird.” Es gab mal eine Zeit, da sahen sie tasächlich so aus, aber als meine Wahrsagersucht fortschritt (und meine Kreditkartenschulden stiegen), entwickelte ich ein Problem damit, dafür zu bezahlen, meine eigene Stimme zu hören. Und diese Worte gewannen an Drehzahl, um schlussendlich ihren ständigen Aufenthalt an meiner Zungenspitze einzunehmen, ein eng zusemmangebundener Haufen, bereit, jedem entegegengeschleudert zu werden, der sich in Hörweite begab.
Mein Mund ist so trainiert, diese Worte auszusprechen, dass ich eigentlich kurz davor bin, mich am Telefon bereits so zu melden. “Hallo?” ist üblich und wird erwartet, aber sich mit “hallohieristSarahundichmöchtewissenwasmitWilhelmpassierenwird.” zu melden, wäre für mich passender und würde mir viel eher dem entsprechen, was ich im Kopf habe.
Traurigerweise würde keiner, der mich gut genug kennt mich anzurufen, davon überrascht sein.
“Ah, Wilhelm” sagt Glenda, als wäre er ein neuer Gespiele, der geradewegs in ihr Boudoir gestolpert käme. “Wilhelm. Willlllhelmmmm…”
Ich höre das Mischen der Tarotkarten, das allzu vertraute sich wiederholende Flattern, das Flattern das mich in meinem Schlaf verfolgt so wie die klirrenden Glocken der Spielautomaten jene mit zuviel Sauerstoff angereicherten leertaschigen Seelen verfolgen, die zu viel Zeit in Vegas verbracht haben. Ich höre einen Rasenmäher, der nebenan gestartet wird, und für eine Sekunde werde ich daran erinnert, dass draußen eine komplette Welt existiert, zu der ich in keinster Weise gehöre. Offensichtlich haben die Leute noch Rasen. Das regt mich auf. Wie können sich Leute um Gras kümmern, wenn Wilhelm mich nicht anruft? Wie kann Gras überhaupt existieren, wenn Wilhelm mich nicht liebt?
Glenda fängt an zu tsk-tsken, als würde sie sich gar nicht um die Karten kümmern, die sie sieht, obwohl in Wahrheit würde ich wetten, sie guckt grad hinter sich auf ihr Video-Poker Spiel und nimmt grad zur Kenntnis, dass sie nur ein Pik von einem Flush entfernt war.
Zwischenzeitlich werfe ich zufällig einen flüchtigen Blick auf den unbändigen Stapel Briefumschläge auf dem Nachttisch, jeder mit einem Plastik-Adressfenster (Guck weg! Das sind Rechnungen!), und mein Herz schlägt schneller.
Abhängig davon was Glenda über Wilhelm sagt, werde ich sie zu fragen haben, ob ich bald reich sein werde. Natürlich, ich hatte seit Wochen kein Vorsprechen … aber dann auch wieder, ich habe nie herausgefunden, was mit dem letzten Vorsprechen war, so dass die Möglichkeit besteht, dass sie noch keinen ausgesucht haben und sie immer noch mich nehmen können. Ich sollte auflegen und meine Agentin anrufen. Ich beäuge das Telefon. Ich will wirklich nicht mit meiner Agentin sprechen. Sie ist immer so in Eile und verärgert, als ob sie irgendwie ständig gerade in ein Flugzeug einsteigen würde, und oft frage ich mich, ob es deshalb ist, weil sie keine Ahnung hat, wer ich bin.
Davon ab, es kommt mir nicht so vor, als würde sie wirklich wissen, was die Produzenten denken. Viel besser, ich frage einfach Glenda wie das Vorsprechen lief.
“Ich spüre eine Distanz” sagt Glenda endlich. “Emotional, körperlich oder seelisch. Aber ich sehe auch plötzliche Kommunikation. Die Dinge werden voller Hoffnung sein! Es tut ihm sehr leid, was er getan hat, und ihr werdet euch in drei bis zehn Tagen wieder in den Armen liegen.”
Ich schob die sich bauschenden Kleenex von meinem Laptop, um ihren Namen dem Dokument “Wahrsager, die ich mag und warum” hinzuzufügen, während sie fortfährt.
“Aber dann fängt der Kreislauf wieder von vorne an und dieses Mal ist der Bruch endgültig. Liebling, er ist nicht derjenige welcher für dich. Und ich –”
Ich legte auf ohne auf Wiederhören zu sagen, genauso wie sie das im Fernsehen machen. Das hatte mich immer genervt. Ich meine, wieviel extra Anstrengung ist nötig, “auf Wiederhören” zu sagen? Aber sie tun es nicht. Sie halten den Hörer in ihren Fäusten mit schimmernden Nägeln und ohne Vorwarnung legen sie ihn auf die Gabel, um weiter nachdenklich das Nichts anzustarren.
Ich wollte immer schreien “sagt auf Wiederhören”. Aber jetzt verstehe ich.
An irgendeinem Punkt in der TV-Geschichte war ein Redakteur, der begriffen hat, dass die zwei Sekunden die es dauert, das Wort zu sagen, kostspielig waren und “auf Wiederhören” wurde für immer verbannt. Ich verstehe, weil ich selber jetzt die Kosten von “auf Wiederhören” kenne.
Wer ist der Nächste? Ich durchsuche die Webseite, studiere die Fotos der Wahrsagerinnen, versuche eine zu finden, die nett und aufrichtig aussieht. Ich wette, die meisten dieser Wahrsagerinnen sind hart, das ist das Problem. Mit Wilhelm und mir das ist nicht zuende. Ich muss nur jemanden finden, der an die wahre Liebe glaubt, das ist alles. Meine Augen überfliegen das Ende der Seite, und ich sehe es: den Haftungsausschluss. Ich habe dies noch nie vorher zur Kenntnis genommen. Ich lese mich durch ein Gewirr von sich juristisch anhörenden Wörtern, die mit der Verkündung enden, dass diese Beratungen “nur zur Unterhaltung sind”. Ich lese den Satz noch einmal. Ich fange an zu lachen.
Diese, dieser dumme Haftungsausschluss, ist das einzige, was ich auf dieser Seite unterhaltsam finde. Alles andere ist bloß grausam, und erschafft quälendes Leid ähnlich — so würde ich es mir vorstellen – dem eines zuckergierigen Diabetikers, der in einer Schokoladenfabrik eingeschlossen ist. Sie müssen verwirrt gewesen sein, als sie ihre Worte gewählt haben. Vielleicht was sie wirklich sagen wollten mit der Mitteilung, dass ihre Seite nur für Unterhaltungszwecke ist, war dies: “Du, wie zahllose andere, wirst diese Beratungen nicht leicht nehmen. Du wirst diese Seite als Werkzeug benutzen, dein Leben zu zerstören und du wirst dabei keinen Spaß haben. Was du gerade anfängst wird dich in unermessliche Schulden führen, lähmende Selbstzweifel, und in eine Sucht, die jeden deiner Gedanken behrrschen wird. Dies wird überhaupt nicht unterhaltsam sein. Wenigstens nicht für dich, wird es das sein. Für andere wird es hysterisch sein. Deine dumme kleine Existenz dient nun nur zu Unterhaltungszwecken. Viele Glück, und vergiss nicht, Feedback zu geben.”
Wenn nur Leute kämen mit Haftungsausschlüssen. Meiner wäre geschrieben in zierlichen lanvendelfarbeigen Laufschrift, die wie in einem einem Film unter meinem Pony hervor ans Tageslicht kommt: “Sarah ist ein wunderbarer Mensch, der zu immenser Liebe und Sorge fähig ist — ebenso wie zu psychotischem und wahnhaften Verhalten. Sei gewarnt, falls du sie nicht innerhalb eines Jahres einen Ehering ausstattest, wird die wahre Sarah hervorbrechen durch ihre Hochzeit-ist-nicht-so-wichtig-Fassade und du wirst dich selbst verängstigt in Juwelierläden wiederfinden. Sei vorsichtig.” Und natürlich würde Wilhelms Haftungsausschuss seine Schwierigkeiten mit der englischen Sprache reflektieren: “Denkt, mit einer 30jährigen Frau zu vereinbaren ‘ich habe vor dich zu heiraten’ ist nur harmlose Konversation, die nicht ernstgenommen werden kann. Übernimmt letztendlich keine Veranwortung für seine Worte, kann hin und wieder zu Gedächtnisverlust neigen und glaubt, wenn er sagt: ‘ich meinte das Hochzeitsding damals so’ ist akzeptabel und würde niemals bei besagter 30-jährigen eine spontane Verbrennung hervorrufen.”
Natürlich hört keiner auf die Warnungen. Besonders ich nicht, und besonders nicht auf welche vor Wahrsagern. Letzten Ende habe ich durch die Anrufe bei Wahrsagern viel zu viele Schulden angehäuft, habe unzählbare Entscheidungen aufgrund ihrer Beratungen getroffen, und nun wird mir erzählt, dies ist nur zum Spaß? Machen die Witze? Auf zum nächsten.
“Willkommen im Wahrsagertempel. Bitte bleiben Sie darn, während wir Sie mit Ihrem Berater verbinden.”
“Hi, du hast Andre.”
Ich hab Andre? Ist das heilbar? Nein, Sarah, mach dich nicht über deinen Wahrsager lustig, sprich einfach.
“hallohieristSarahundichmöchtewissenwasmitWilhelmpassierenwird.”
“Da ist eine Schwingung zwischen euch beiden.” sagt er, springt gleich mitten rein ohne eine Pause, so als hätte er sowieso gerade über unsere Beziehung nachgedacht bevor ich angerufen habe und wäre ganz verrückt danach gewesen, jemandem seine Theorien darüber erzählen zu können. “Ich sehe zitternde Strömungen in rot und violett, diese Farben zwischen euch, die das Herz klopfen lassen.”
Fabelhaft. Andres Stimme ist leicht und luftig so als wäre sein ganzer Körper mit glücklichem Helium gefüllt und würde sich mehr als alles andere danach sehnen, wegzufliegen, einfach wegzufliegen, sich den Möwen und Sternen anzuschließen und es sich in einer Wolke gemütlich zu machen.
Ich hasse solche Leute — sie können stundenlang reden und du weißt immer noch nicht, was sie dir sagen wollen. Dieser Anruf hat sich erledigt. Ich habe einen “bad-Wahrsager-day”.
“Du musst dich von ihm lösen” fährt er fort. “Dich auf ihn zu verlassen ist schmerzhaft. Erlange deine Kraft zurück! Du musst mehr wie er werden, damit du mehr wie du sein kannst.”
Oh, um Gottes Willen, kann mir nicht einer einfach eine Antwort geben? Ich kann mir das nicht leisten! Mit so viel Würde wie ein Mädchen aufbringen kann, das dasselbe 1980er “B.U.M. Equipment” Sweatshirt seit zwei Wochen trägt, kreischte ich:”Aber kommen wir wieder zusammen? Liebt er mich?”
Das bringt Andre nicht aus der Fassung. Ich kann nur anfangen mir vorzustellen, was die Leute ihm schon alles entgegengeschrien haben und jetzt, ganz der Professionelle, der er ist, bleibt er ruhig. “Ja, er liebt dich. Hab Geduld. Du solltest darauf vertrauen, dass ihr wieder zusammen seid, weil ich es sehr klar sehe.”
Andre ist der Mann! Ich liebe Andre! Jetzt werde ich ihm die große Frage stellen. Die große Frage wird nur immer gestellt, wenn ich mich sicher fühle, dass die Antwort “ja” sein wird. “Werden wir heiraten?”
Er setzt keinen Herzschlag aus. “Der Antrag ist im August, Hochzeit in anderthalb bis zwei Jahren. Ich sehe Pfingstrosen in deinem Brautstrauß. Einfach reizend.”
Mein Herz fliegt hoch, mein Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen, das Kindern das Fürchten lehren würde und Tiere sich bedroht fühlen würden. In Moment glaubt Wilhelm, mit uns ist Schluß und denkt, er könne weiterziehen, aber offensichtlich nur, weil er noch nicht begriffen hat, dass wir heiraten werden.
Piep. “Nur noch eine Minute.”
“Siehst du noch mehr?”
“Veränderungen werden für euch beide sehr positiv. Euere Beziehung wird einen anderen Weg nehmen als jetzt. Aber ich fühle seine Angst vor Nähe. Bu musst geduldig sein. Hat er grüne Augen?”
Mein Atem setzt aus. “Ja.” Wunderschöne grüne Augen. Grüne Augen wie Glücksklee, wie eine geheime tropische Lagune, wie Gras nach einem Regen, wie .. Sellerie?
“Ich sehe, wie er auf dich zukommt. Er hält ein —”
Piep!
Nein! “Hält was, hält was!”
“Hält—”
“Hallo. Entschuldigung, dass ich Ihr Gespräch unterbreche. Um die Unterhaltung zu einem Preis von $ 4,99 pro Minute fortzusetzen, müssen Sie Ihr Konto aufladen. Um 29 Dollar hinzuzufügen, drücken Sie die Eins. Um 59 Dollar hinzuzufügen, drücken Sie die Zwei. Um einen Dollarbetrag Ihrer Wahl hinzuzufügen, drücken Sie die Drei. Um diesen Anruf zu beenden, drücken sie die Vier.”
Nein! Nicht den Anruf beenden! Ich drücke die Drei. Ich werde 30 Dollar eingeben! Hier, nimm es! Schwebe wieder zu mir, Andre! Ruh dich nicht auf einer Wolke aus! Komm zurück!
“Vergessen Sie nicht am Ende des Gesprächs ein Feedback zu hinterlassen.”
Natürlich! Ich liebe Andre — schieb ihn zurück auf die Line!
“Es tut mir leid, aber Ihre Kredikarte wurde zurückgewiesen. Warten Sie bitte auf einen Operator.”
Copyright der Originalversion ©2006 by Sarah Lassez